Schlagwort: Bündnis Herne

  • Logo des CSD Herne 2021

    Das Bündnis Herne beteiligt sich an den 2. digitalen CSD in Herne!

    Unser Grußwort:

    Es bewegt sich was in Herne!

    Herne hat seit letztem Jahr einen eigenen Christopher Street Day – leider kann er auch dieses Jahr wieder nur virtuell stattfinden.

    Nichtsdestotrotz macht der CSD auch auf diesem Weg wieder die Vielfalt in unserer Stadt sichtbar!

    Vielen Dank für euer Engagement – und vielen Dank, dass wir auch in diesem Jahr wieder dabei sein dürfen!

    Vielfalt in Begehren und in der geschlechtlichen Identität waren in unserer Stadt lange Zeit wenig sichtbar. „Pride“ lässt sich eben leichter leben, wenn sie von anderen bunten Menschen in pulsierenden Szenevierteln vorgelebt wird. Sicher, Herne ist eine große Stadt und das Zuhause für Menschen aus allen Teilen der Welt und für Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen.


    Doch Herne pulsiert oft eher leise. Oft scheint es sogar so, als müsste Herne überhaupt erst wieder zu sich und einem neuen großstädtischen Bewusstsein kommen. Die Gründung des queeren Jugendforums und die Ankündigung eines CSD in unserer Stadt sind deshalb wichtige Schritte auf dem Weg dorthin gewesen!

    In immer mehr Städten gelingt es dem Christopher Street Day, zumindest temporär einen sicheren öffentlichen Raum zu schaffen, in dem alle queeren Menschen ohne Angst verschieden sein können.

    Wir finden es essenziell, alternative Lebensentwürfe außerhalb der „klassischen“ Kleinfamilie aus Mutter, Vater und 1,5 Kindern sichtbar zu machen, um zu einem selbstverständlichen Miteinander zu gelangen. Einem Miteinander, das alle Menschen einschließt, ganz egal, wen sie lieben, und ganz egal, ob sie sich als Frau, als Mann oder als nicht-binär identifizieren.

    Dieses Miteinander ist keine Selbstverständlichkeit, sondern musste hart erkämpft werden:

    Der Christopher Street Day steht in der kämpferischen Tradition der Schwulen-, Lesben- und Transbewegung. Ein breit getragenes Gefühl von politischer Selbstwirksamkeit und von Zusammenhalt nahm seinen Ausgang 1969 in New York, als sich zum ersten Mal Besucher*innen einer Szenebar gegen willkürliche polizeiliche Maßnahmen wehrten.

    Solche Szenen sind für uns heute kaum noch vorstellbar, aber am Ziel sind wir noch lange nicht: In weiten Teilen der Welt stehen homosexuelle Handlungen noch heute unter Strafe, und auch hierzulande halten sich einige reformbedürftige Gesetze, gesellschaftliche Vorurteile und Diskriminierungen in unterschiedlichen Formen. 

    Wir möchten mit unserer Teilnahme unsere Solidarität gegenüber all jenen erklären, die auch heute noch schmerzlich von feindseligen Äußerungen betroffen sind. Solidarität mit all jenen, die sich aus Angst vor Stigmatisierung verborgen halten. Solidarität mit all jenen, die zweifeln. Und Solidarität mit all jenen, die in der Vergangenheit nach vorne getreten sind und heute nach vorne treten und ihre Plätze in einer oftmals noch viel zu engen Gesellschaft einfordern.

    Schätzungsweise 10.000 queere Herner*innen leben in unserer Mitte.

    Euch sagen wir: Niemand soll euch dafür anfeinden, wen ihr liebt und welcher geschlechtlichen Identität ihr euch zugehörig fühlt. 

    In eurem Kampf gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte steht das Bündnis Herne an eurer Seite!

    Das Bündnis Herne wünscht von Herzen einen lauten, schrillen und bunten
    Online-CSD 2021. Wir freuen uns, im nächsten Jahr endlich mit euch gemeinsam auf die Straße zu gehen!

  • SharePic zur Online-Podiumsdiskussion des Bündnis Herne "Shalom und Salam"

    Shalom und Salam – Die Auswirkungen des Nahostkonfliktes auf unser Miteinander

    Das Bündnis Herne und die Partnerschaft für Demokratie Herne (PfD Herne) laden ein!

    Am 30.06. streamen wir ab 19:00 Uhr live aus dem Stadtteilzentrum Pluto in Wanne-Eickel eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema.

    Als die Auseinandersetzungen in Nahost in den vergangenen Wochen neuerlich aufflammten, hatte dies auch in Deutschland Folgen:

    Auf Pro-Palästina-Kundgebungen brach sich – von Gelsenkirchen bis Berlin – Antisemitismus Bahn; hier lebende Jüdinnen und Juden wurden für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich gemacht, allein weil sie dem jüdischen Glauben angehören. Es gab Angriffe auf Synagogen, Israel-Flaggen wurden verbrannt und Rufe wie „Scheiß Juden“ wurden über die Nachrichten und die sozialen Medien in sämtliche Wohnzimmer der Republik gespült. Auch wenn viele Kundgebungsteilnehmende bestritten, antisemitisch zu sein, gilt aber doch: Wer nicht für einen Antisemiten gehalten werden möchte, sollte auch keine antisemitischen Aussagen verbreiten und sich besser über den Hintergrund bestimmter Phrasen und Sprechchöre informieren.

    Einmal mehr wurde deutlich: Antisemitismus hat viele Gesichter und ist auch hierzulande mitnichten überwunden!

    Auch die meisten hier lebenden Muslim:innen waren erschrocken über den Judenhass, viele erklärten ihre Solidarität mit den jüdischen Gemeinden. In der Folge sahen sich viele dieser Muslim:innen einer doppelten Front gegenüber: Ohne zu differenzieren wurden rassistische Pauschalisierungen laut, und das Problem des Antisemitismus wurde zum alleinigen Problem von Muslim:innen erklärt. Dabei wurde leichthin ignoriert, dass antisemitische Weltsichten in sämtlichen Teilen der Bevölkerung und der gesamten Bandbreite des politischen Spektrums verbreitet sind. Doch damit nicht genug: Solidarische Muslim:innen mussten sich Vorwürfe gefallen lassen, sich illoyal gegenüber der Sache der Palästinenser:innen zu verhalten. Vielen wurde deshalb Verrat vorgeworfen.

    Viel Gesprächsstoff also für unser Podium!

    Wir können und wollen mit unseren Möglichkeiten nicht „den Nahostkonflikt“ erklären und lösen. Aber wir wollen mit unseren Podiumsgästen überlegen, was wir gemeinsam tun können, damit diese multiplen Problemlagen nicht weiter die Integrationsarbeit und das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen in unserer Stadt und im gesamten Land gefährden.“ 

    Unsere Gäste an diesem Abend sind

    Anton Tsirin
    Schauspieler
    Präsident von Makkabi Deutschland Jugend
    Jugendreferent beim Landesverband der jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe
    Mitbegründer von „Kibbuz e.V. – Zentrum für Kunst, Kultur und Bildung“


    Tuncay Nazik
    Leiter islamische Gemeinde Herne Röhlinghausen e.V.

    Sobitha Balakrishnan
    DINX-Institut

    Micha Neumann
    Antidiskriminierungsberater ADIRA

    Rabeya Müller
    Liberal-Islamischer Bund e.V.

    Fadl Speck (Moderation)
    Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus e.V.


    Wir freuen uns über zahlreiches Einschalten!


    Der Livestream läuft über den Youtube-Kanal des Bündnis Herne.

  • Logo des Bündnis Herne v1 rund mit weißen Hintergrund

    Querdenker-Bewegung in Herne

    Autokorso der Corona-Leugner

     Am Donnerstag, 25.03.2021, fand eine Versammlung der „Querdenken-Bewegung“ in Herne statt. Die Anmelder führten unter Berufung auf das Versammlungsrecht einen Autokorso mit 27 Pkws durch. Der Autokorso der Corona-Leugner führte weitestgehend durch den Stadtteil Wanne. Von den 27 teilnehmenden Pkws kamen nach Recherche des Bündnis Herne lediglich zwei Fahrzeuge aus Herne. Die anderen Teilnehmer reisten aus Städten im Kreis Recklinghausen, aus Hagen und dem Hochsauerlandkreis an.

    Das Bündnis Herne positionierte sich erneut lautstark, vielfältig und bunt gegen diese unverantwortliche Versammlung der Corona-Leugner. Das positive Fazit der Polizei und den Hinweis „dass es zu keinen Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung kam“, zitiert in der WAZ vom 26.03.2021, können wir ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.

    Wir haben den Eindruck, dass auch die Polizei Bochum und die Herner Ordnungsbehörde dem immer noch weit verbreiteten Irrtum unterliegen, es handele sich bei den „Querdenkern“ um ein „bürgerliches“ und somit „ungefährliches Protestspektrum“.

    Wer sich die lautstarke Beschallung aus den Fahrzeugen der Veranstalter angehört hat, erkennt diese Einschätzung leicht als Irrtum. In Dauerschleife wurden zahlreiche inakzeptable Diffamierungen und Unwahrheiten wiederholt. So wurde u. a. die Bundeskanzlerin verunglimpft mit den Worten „Merkel und ihre Komplizen sind korrupte […] Massenmörder“. Viele, die an den Protesten des Bündnisses Herne teilnahmen, waren entsetzt und irritiert, dass hier weder die Versammlungs- noch die anwesende Ordnungsbehörde eingeschritten ist.

    Lautstärke, Inhalt und die ausgesprochen unflätige und brutale Sprache waren geeignet, Passant*innen und Anwohner*innen, insbesondere aber Kinder, zu verängstigen und einzuschüchtern. Anders als bei einer räumlich begrenzten Kundgebung war es nicht möglich, sich dem durch Weggehen zu entziehen – zumal der Korso auch noch mitten durch Wohngebiete fuhr!

    Die Demonstrationsform „Autokorso“ wird von „Querdenken“ bewusst gewählt, um die Ordnungsbehörden durch massive Bindung der Ressourcen, Aufbau von Überstunden etc. zu schwächen. Umso unverständlicher ist es für uns, dass die Polizei mit der offenbar vorbehaltlosen Genehmigung des Autokorsos inklusive der gewünschten Route diesen Ambitionen der „Querdenker“ auch noch in die Karten gespielt hat!

    Wir fordern die Verantwortlichen in Politik und Behörden auf, die Herner Bevölkerung vor weiteren Veranstaltungen dieser Art zu schützen und der verschwörungsideologischen Szene ihre Selbstinszenierung mit rechtlichen Mitteln so schwer wie möglich zu machen.

    Wir fordern daher dazu auf, den „Querdenkern“ nicht ohne Not die für ihre Zwecke attraktivsten Routen zuzusichern. Wir fordern dazu auf, Beleidigungsdelikte, Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz und ähnliche Tatbestände konsequent zu ahnden und die Versammlung im Zweifelsfall aufzulösen.

    Außerdem fordern wir dazu auf, friedlichen, demokratischen Protest nicht durch das Streuen von Fehlinformationen zur Route zu erschweren.

    Das Bündnis Herne wird sich auf jeden Fall weiterhin gegen jegliche Art von Veranstaltungen stellen, bei denen „Querdenker“ & Co. ihre Lügen verbreiten. Wir werden diesem Treiben in Kürze etwas Positives entgegensetzen.

  • SharePic "Ihr seid doch Spinner"

    Impfgegner Autokorso

    Gestern Abend (17.03.2021) gab es einen „Ich lass mich nicht impfen“-Autokorso von Bochum nach Herne. Wir hatten entlang der Route von vor zwei Wochen an sieben Kreuzungen auf Herner Stadtgebiet coronagerechte kleine Kundgebungen angemeldet, um zu zeigen, was wir von diesem Treiben halten: Nichts!

    Wir sind begeistert über die Vielzahl von Menschen, die sich an diesen Standorten zu uns gesellt haben. Vielen Dank, dass ihr alle da wart!

    Letztlich gab es allerdings nichts zu sehen – außer alle sich gegenseitig, oft zum ersten Mal nach Wochen oder gar Monaten. Die Schwurbler sind nämlich eine andere Route gefahren als gedacht, mit Ziel „Kirmesplatz Crange“. Dort hatten die Schirme gegen Rechts  aber flugs eine Spontankundgebung angemeldet, so dass der Autokorso nicht mehr zur eigentlich geplanten Abschlusskundgebung auf den Kirmesplatz kam, sondern sich quasi im Vorbeifahren aufgelöst hat.

    Dieser Abend hat gezeigt, dass die „Aluhüte“ zumindest im Ruhrgebiet offenbar bereits auf dem absteigenden Ast sind: Ganze 8 (in Worten: ACHT) Pkw hatten sich zu dem Autokorso zusammengefunden, begleitet von unwesentlich mehr Polizei. An unseren Standorten haben sie sich offenbar gar nicht erst vorbeigetraut (angemeldet waren 150!).

    Die Herner Zivilgesellschaft hingegen hat sich einmal mehr als wehrhaft und mobilisierungsfähig erwiesen: An ursprünglich sieben Standorten haben jeweils etwa zehn bis 20 Personen Flagge gezeigt für ein solidarisches Miteinander. Und zum ungeplanten achten Standort – dem Cranger Kirmesplatz – haben sich superkurzfristig auch noch einmal etwa 25 Menschen auf den Weg gemacht.

    Wir waren präsent. Sie nicht.

    Unsere Stadt. Unsere Plätze. Unsere Kreuzungen.

    Und unsere Busse 😉

    Danke an alle, die da waren! 

    Ein besonderer Dank geht außerdem an Nadja Hermann, die uns die Verwendung eines ihrer
    Erzaehlmirnix-Cartoons als Plakatmotiv erlaubt hat!

    Für nächsten Donnerstag (25.03.2021) ist übrigens der „1. Auto-Korso Herne“ geplant – man darf gespannt sein 😉

  • Foto eines bemalten Herzen "Bündnis Herne"

    Jahresrückblick 2020 & Grußwort

    2020 ist fast vorbei – für vermutlich die meisten von uns war es auf die ein oder andere Weise ein wirklich anstrengendes Jahr.

    Auch aus Sicht des Bündnis Herne war 2020 eine große Herausforderung. Aber wir wollen nicht lamentieren, sondern darauf schauen, was wir unter den veränderten Bedingungen daraus machen konnten: Häufig sind wir in den virtuellen Raum umgezogen, z.B. mit dem Livestream am 9. Mai zusammen mit dem Archäologiemuseum („Tag der Befreiung“), mit unseren Beiträgen zum ersten Herner CSD im Juni sowie zur Reichspogromnacht im November, mit unserer allerersten Onlinetagung kurz vor Weihnachten, und dem 14-täglichen Livestream, mit dem wir seit einigen Wochen eine Möglichkeit zum Austausch zwischen euch und uns bieten. In coronagerechtem Rahmen konnten wir zudem einige wenige Vor-Ort-Veranstaltungen umsetzen: Die beiden symbolischen Liveproteste gegen die AfD-Kreisparteitage im Juni, unsere Geburtstagsfeier auf dem Friedrich-Ebert-Platz im August und die Moria-Stühle-Aktion im September.

    Nicht alles war virtuell lösbar: Für unsere Kreativaktion „Herzensangelegenheiten“ sind wir euch noch den krönenden Abschluss schuldig – sowohl für die Übergabe der Preise an die Gewinner*innen wie auch für die Abgabe der Herzen für einen guten Zweck finden wir im neuen Jahr eine Möglichkeit, ohne unnötige Risiken eingehen zu müssen. Die Vielfalt und Kreativität, die uns mit euren Rücksendungen erreicht haben, verbuchen wir definitiv unter „Schönes und Wertvolles in 2020“, weshalb wir euch zum Jahresabschluss gern eine Auswahl präsentieren!

    Wir wünschen euch und uns für 2021, dass es ein richtig gutes Jahr wird, in dem wir uns alle irgendwann live und v.a. unbeschwert wiedersehen!

  • Künstlerisch bearbeitetes Foto der zerstörten Synagoge in Herne

    Erinnerung und Gedenken an die Reichspogromnacht 1938

    „Dann war es nur noch Nacht und kalt und die Funken der Synagoge stieben durch die Luft.“

    „Hinten in der Schule, die zum Synagogenbau gehörte, wurden die Türen eingeschlagen. Fritzlers holten uns aus den Betten. Wir rannten alle in den vorderen Bereich, während es hinten schon anfing zu brennen.“

    Joel Katzenellenbogen war als Zwölfjähriger im November 1938 bei seinem Onkel Max Fritzler zu Besuch, der als Lehrer der jüdischen Gemeinde Wanne-Eickel
    in der Dienstwohnung der Synagoge wohnte. Alptraumhafte Sequenzen sind ihm in Erinnerung geblieben: die beißende Todesangst, plötzlich werden die Kinder aus einem Fenster herausgeschmissen, das Synagogendach bricht hinter ihnen zusammen, und ein Polizist, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hatte, führt das Ehepaar Fritzler in letzter Sekunde aus dem brennenden Haus durch die drohende Menschenmenge hindurch.

    „Dann war es nur noch Nacht und kalt und die Funken der Synagoge stieben durch die Luft.“

    Die Kosten für Abbruch und Trümmerbeseitigung stellte die Stadt anschließend der jüdischen Gemeinde in Rechnung.

    Wir erinnern heute an die Reichspogromnacht am 9. November 1938.

    Wie in Herne und Wanne-Eickel wurden in dieser Nacht in ganz Deutschland und Österreich über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört.

    Wie in Herne und Wanne-Eickel versammelten sich in dieser Nacht an vielen weiteren Orten Mengen von Schaulustigen, stimmten in die Hetzgesänge der Ausführenden ein und beteiligten sich vielfach an Zerstörungen und Plünderungen, während Polizeieinheiten und Feuerwehren lediglich darauf achteten, dass die Zerstörungen nicht auf Nachbargebäude übergriffen.

    Wir erinnern daran, dass in dieser Nacht– einmal mehr – Nachbarn zu Gaffern, Marodeuren und Gewalttätern wurden.

    Wir erinnern daran, dass die jüdische Bevölkerung bereits in den Jahren vor 1938 durch zahlreiche Gesetze ausgegrenzt und zu Bürgern zweiter Klasse gemacht worden war. Der 9. November 1938 ist jedoch eine Zäsur, er markiert den Zeitpunkt, ab dem die jüdische Bevölkerung in Deutschland vollständig entrechtet war und als vogelfrei angesehen werden konnte.

    Der 9. November ist uns eine Mahnung, niemals zu vergessen, dass die jüdische Bevölkerung in der Zeit des Nationalsozialismus in noch nie dagewesener Weise zum Feind stilisiert wurde, entrechtet, vertrieben und schließlich weitgehend ausgelöscht.

    Es ist auch die Mahnung, niemals zu vergessen, dass dies überhaupt erst möglich war, weil zu viele Menschen zu lange weggeschaut, geschwiegen oder mitgemacht haben.

    Doch das Erinnern und Mahnen ist leer, wenn es nicht zu alltäglichem Handeln führt!

    Handeln ist unverändert geboten, denn Antisemitismus hat in Deutschland nach wie vor einen fruchtbaren Boden: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr ist uns allen noch im Gedächtnis, es gab weitere Anschläge und Übergriffe, die es nicht oder nur kurz in die Schlagzeilen geschafft haben, nicht zu vergessen die antisemitischen Diskriminierungen unterhalb der Strafbarkeit, zum Beispiel Pöbeleien im öffentlichen Raum und Postings in den sozialen Medien – vielerorts trauen sich Jüdinnen und Juden nicht, sich öffentlich als solche zu erkennen zu geben.

    Worte haben im Dritten Reich den Boden bereitet für Antisemitismus in seiner fürchterlichsten Ausprägung. Worte bereiten auch heute den Boden für Taten:

    Wenn Herr Gauland die Zeit von 1933 bis 1945 als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ bezeichnet und Herr Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ nennt, sind dies Versuche der Relativierung und Verharmlosung der Shoa und zusätzlich die Negierung einer Verantwortung im Hier und Heute.
    Wenn die AfD, wie dieses Jahr in Hessen geschehen, den 9. November als „Schicksalstag der Deutschen“ zum Gedenk- und Feiertag erklärt wissen möchte, ist die Absicht ebenso leicht zu durchschauen: Im Gedenken an sehr unterschiedliche Wendepunkte der deutschen Geschichte soll das Gedenken an die systematische Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens im Dritten Reich verwässert und in den Hintergrund gedrängt werden.

    Aktuell werden bei zahlreichen Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen antisemitische Schuldzuweisungen für die Pandemie bzw. den Umgang mit ihr geäußert. Teilnehmende stilisieren sich durch das Tragen des so genannten Judensterns mit der Aufschrift „ungeimpft“ als Opfer im Sinne der Verfolgten im Dritten Reich – eine weitere Verharmlosung der Shoa und des Nationalsozialismus!

    Führungsfiguren der Herner „besorgten Bürger“ haben unter dem Banner der „Bruderschaft Deutschland“ am 3. Oktober in Berlin gemeinsam mit der rechtsextremistischen und neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ demonstriert, die sich offen antisemitisch positioniert. Damit haben sie einmal mehr deutlich gemacht, wo wir sie einzuordnen haben: Wer wissentlich und absichtlich mit Nazis marschiert, macht sich deren Ideologie zu eigen.

    Vor dem Hintergrund dieser Beispiele sind die Ergebnisse einer Studie des World Jewish Congress, in der es u.a. um antisemitische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung geht, erschreckend, aber nicht überraschend: Ein Drittel der Befragten hält die Ausgrenzung bis hin zu Gewalt gegen Juden oder jüdische Symbole und das Aberkennen allgemein gültiger Rechte scheinbar für normal. Ebenso viele können keine Diskriminierung von Juden in Deutschland erkennen.

    Im Einsatz gegen Antisemitismus sehen nur 20% der Befragten die Zivilgesellschaft in der Verantwortung. Mehrheitlich ist die Erwartung, dass die Regierungen und öffentlichen Institutionen dieser Verantwortung gerecht werden.

    Selbstverständlich ist der Staat in der Pflicht, einen besseren Schutz vor Übergriffen, die Sicherung jüdischer Einrichtungen, eine effektive Strafverfolgung und intensive Prävention zu gewährleisten.

    Das entbindet aber doch nicht die Zivilgesellschaft von der Verantwortung, wachsam zu sein, einzuschreiten, wenn z.B. in Diskussionen antisemitische Stereotype bedient werden, wenn auf der Straße jemand wegen seiner Kippa angepöbelt oder sogar geschlagen wird!

    Im Gedenken an Joel Katzenellenbogen, an die 401 Opfer der Shoa aus Herne und Wanne-Eickel und an die vielen weiteren Jüdinnen und Juden, deren Leben durch die Ereignisse von 1933 bis 1945 zerstört wurden, erinnern wir daher heute auch und ganz besonders an unser aller Verantwortung:
    Lasst uns eine aufmerksame und wache Zivilgesellschaft sein, die nicht wegschaut, sondern den Mund aufmacht, wenn Menschen diskriminiert werden.

    Lasst uns eine Zivilgesellschaft sein, die gemeinsam dazu beiträgt, dass Auschwitz nie wieder sei!

    Zitate und Erinnerungen entnommen aus dem Buch
    Herne und Wanne-Eickel 1933 – 1945
    Ein historischer Stadtführer von Ralf Piorr (Hg.) 2013

  • Cordula Vordenbäumen (Bündnis Herne) und Pfarrer Kornelius Heering auf der Verabschiedung am 27.09.2020

    Rede zur Verabschiedung Pfarrer Kornelius Heering

    Der Kirchenkreis Herne hat nach dreieinhalb Jahren Pfarrer Kornelius Heering verabschiedet. Kornelius tritt nun seine erste Pfarrstelle in Düsseldorf an.

    Ehrenmitgliedschaft Korenlius Heering

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vor allem aber lieber Kornelius,

    vor etwas mehr als einem Jahr haben wir uns kennengelernt, und nun heißt es schon Abschied nehmen.

    Ich bin sehr froh, dass ich heute als Vertreterin des Bündnis Herne die Gelegenheit für ein paar persönliche Worte habe.

    Am 20.08.2019 sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Das war der Tag, an dem sich, wie du es einmal gesagt hast, nicht nur „Wutbürger“, sondern vor allem „Mutbürger mit Zivilcourage“ in Herne versammelt haben:

    Ohne voneinander zu wissen, haben wir an diesem Tag gleichzeitig gehandelt, um einem erneuten rechtsradikalen Aufmarsch durch die Herner Innenstadt etwas entgegenzusetzen: Wir standen mit etwa 500 Menschen auf dem Robert-Brauner-Platz und bekamen die Information: Vor der Kreuzkirche macht der Pfarrer auch was! Im Angesicht von etwa 120 ungeduldig wartenden rechten Marschierern hast du mit deinen Kolleginnen Melanie Jansen und Katja Lueg und 50 Gemeindemitgliedern ein spontanes Open-Air-Friedensgebet vor den Türen dieser Kirche veranstaltet.

    Dafür hat dich bei Facebook kürzlich jemand als „Don Camillo von Herne“ bezeichnet!

    Wir jedenfalls haben dich an diesem Abend als jemand kennengelernt, der die Initiative ergreift, statt zu warten, dass jemand anders etwas unternimmt.

    Bei unserem nächsten Treffen warst du mit dabei und fortan fester Bestandteil des Bündnis Herne.

    Als wir uns im Orgateam über deinen Abschied von Herne unterhalten haben, hat dich jemand mit den Worten beschrieben, „Kornelius hat eine gute Ader und steht im Leben“. Das trifft es auf den Punkt: Für dich endet dein kirchlicher Auftrag nicht an der Kirchentür, sondern du suchst und siehst die Verbindung zu dem, was „draußen“ passiert. Aufgrund deiner „guten Ader“ ist es zudem leicht, mit dir ins Gespräch zu kommen. Den Pfarrer im angeregten Austausch mit einem Vertreter der islamischen Gemeinde wie auch mit eingefleischten Linken und überzeugten Atheisten zu sehen– das ist eine meiner persönlichen Lieblingserinnerungen an die Arbeit im Bündnis Herne: Wenn das im Kleinen funktioniert, warum sollte es nicht auch im Großen gelingen können?

    Unsere gemeinsamen Kundgebungen auf dem Robert-Brauner-Platz standen auf einem breiten Fundament der Zivilgesellschaft. Deine bzw. eure wöchentlichen ökumenischen Friedensgebete vor der Kreuzkirche haben erheblich dazu beigetragen.

    Gemeinsam haben wir ein „Format“ für unsere wöchentlichen Aktivitäten gefunden, bei dem für jede und jeden etwas dabei war: Nicht nur der laute Protest gegen die Rechtsradikalen von Angesicht zu Angesicht, sondern auch Gebet und Gesang, Musik, informative und kulturelle Highlights, nicht zu vergessen der Austausch mit Gleichgesinnten. Dazu hast du wichtige Impulse beigesteuert und so die Vielfalt im Bündnis Herne deutlich erweitert. Miteinander haben wir es geschafft, dass die rechtsradikalen Aufmärsche aus dem Stadtbild verschwunden sind. Das Gedankengut ist noch da, deshalb geht unsere Arbeit weiter, nun aber leider ohne dich.

    Allein diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass du uns sehr fehlen wirst!

    Gleichzeitig freuen wir uns für dich über die neuen Aufgaben, die vor dir liegen. Und ganz uneigennützig freuen wir uns auch für die Menschen deiner zukünftigen Gemeinde in Düsseldorf, die nun mit dir zusammenarbeiten dürfen.

    Lieber Kornelius, damit du uns auch aus der Ferne in guter Erinnerung behältst, hat unser Orgateam folgendes beschlossen: Wir verleihen dir die allererste Ehrenmitgliedschaft im Bündnis Herne!
    Leider sind keinerlei Rechte oder Ansprüche damit verbunden, andererseits verpflichtet es dich auch zu nichts. Die Ehrenmitgliedschaft soll dich aber daran erinnern, dass, wann immer du mal nach Herne kommst, du an unserem Tisch einen Platz hast!

    Zum Abschied bekommst du von uns außerdem eine kleine Erinnerung an unsere Stadt – und etwas, das du möglicherweise in Düsseldorf auch gut gebrauchen kannst.

    Stellvertretend für das gesamte Orgateam des Bündnis Herne sage ich noch einmal „Vielen Dank, dass du bei unserem spannenden Projekt an unserer Seite warst“! Wir wünschen dir und deiner Frau von ganzem Herzen alles Gute für das, was vor dir und vor euch liegt!

    Danke schön!

    (Beitragsbild Krichenkreis Herne)

  • Foto zu der Aktion Statement zu der Situation in Moria

    Statement zu der Situation in Moria

    #LeaveNoOneBehind

    Gestern ist das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos abgebrannt. Im humanitären Sinn brennt es dort bereits seit Monaten: Das Lager war ohnehin nur für knapp 3.000 Geflüchtete ausgelegt und mit 12.000 Menschen völlig überbelegt.

    Vor diesem Hintergrund hatte das Bündnis Herne heute Abend zu einem Flashmob vor dem Rathaus aufgerufen.

    Etwa 50 Menschen vor leeren Stühlen zeigten symbolisch, dass auch die Herner Stadtgesellschaft nicht länger bereit ist, die humanitäre Katastrophe an den Außengrenzen der EU lediglich zur Kenntnis zu nehmen und bedrückt zu sein. 

    Wir fordern, die Menschen aus der Hölle Moria zu holen!

    Innenminister Seehofer muss lediglich in die Gänge kommen und die von so vielen Seiten immer wieder unterstrichene Aufnahmebereitschaft anerkennen. Die Lager könnten innerhalb kurzer Zeit evakuiert sein. Auch Herne hat Platz!


    #WirHabenPlatz

    #LeaveNoOneBehind

  • Logo der Aktion Bündnis Herne "Rathaus NAZIFREI"

    Bündnis Herne unterstützt die Aktion „RATHAUS NAZIFREI“

    Das Bündnis Herne ist ein Zusammenschluss von Privatpersonen, demokratischen Parteien, Gewerkschaften, den christlichen Kirchen und islamischen Glaubensgemeinschaften, dem Kulturell-Alternativen Zentrum und vielen anderen Institutionen und Vereinen in Herne.

    Unsere Veranstaltungen sind immer überparteilich, sie sollen die offene und tolerante Zivilgesellschaft stärken und das Demokratiebewusstsein in Herne fördern. Dabei beziehen wir als Bündnis Herne deutlich Stellung gegen jede Form von Ausgrenzung, Rassismus und Faschismus.

    Wir stehen somit klar gegen die Ziele der AfD. Unserer Meinung nach sind Äußerungen und Aktionen der AfD und ihrer Mitglieder auf eine Destabilisierung unserer Demokratie ausgelegt. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit versucht die AfD permanent, die Grenzen des Sagbaren in ihrem Sinne zu verschieben. Gleichzeitig übersetzen die AfD und ihre Mitglieder Meinungsfreiheit mit Meinungshoheit und versuchen so, jede Form von Widerspruch zu unterbinden.

    Und obwohl die AfD sich gerne als „Partei der kleinen Leute“ inszeniert, sind ihre Forderungen und ihr Parteiprogramm von einem Neoliberalismus durchzogen, der einen unverhohlenen Schlag in das Gesicht eines jeden materiell schwachen Mitmenschen darstellt und somit zutiefst unsozial ist.

    Dass es der AfD bei allem nur um Spaltung und Ausgrenzung geht, belegt für uns auch ihre aktuelle Kampagne zum Kommunalwahlkampf, in dem die AfD ominöse Forderungen nur „Für unsere Leute“ stellt.

    Das Bündnis Herne unterstützt daher vorbehaltlos die Aktion „RATHAUS NAZIFREI“ des DGB Ruhr-Mark. Wir rufen die Unterstützerinnen und Unterstützer des Bündnis Herne auf, Gleiches zu tun.

    Demokratie muss vieles aushalten. Sie muss es aber nicht widerspruchslos tun.

    Bündnis Herne

  • Rednerin des Bündnis Herne auf der Kundgebung zu "Gedenken an Hanau"

    Gedenken an Hanau

    Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nessar El Hashemi, Mercedes K., Can Gülcü, Bilal Gökçe,Sedat Gürbüz und Kaloyan Velkov, Vili Paun, Gabriele Rathjen.

    Das sind die Menschen, die dem Anschlag in Hanau am 19.2.2020 zum Opfer fielen.
    Unsere Herzen sind bei den Familien und Angehörigen der Verstorbenen, sowie bei den Verletzten, denen wir eine schnelle Genesung und Gottes Liebe und Barmherzigkeit wünschen.

    Den Terroranschlag so zu beschreiben, wie er ist, nämlich als Terroranschlag, fällt vielen schwer. Die Versuchung, den Täter als Einzeltäter darzustellen, ist schon zum Reflex unserer Politiker & Politikerinnen und der Sicherheitsorgane geworden. Damit wird das ideologische Umfeld des Täters ausgeblendet. Er handelte als Einzeltäter, doch war er nicht allein in seiner Welt. Das ist auch keine Überraschung. Schon lange werden Rassistinnen & Rassisten hofiert und antimuslimische Parolen skandiert. Viele haben den Boden bereitet und das Klima geschaffen, damit Hetze verbreitet und somit dem Hass Tür und Tor geöffnet werden konnte. Damit ist nicht nur die AfD gemeint. Dass sie eine der geistigen Brandstifter*innen ist, muss nicht besonders erklärt zu werden.

    Ist das aber alles?
    Gauland war von 1973 bis 2013 Mitglied der CDU. Sarrazin ist seit 1973 Mitglied der SPD. Der selbsternannte Islamkritiker Abdel-Samad, Teilnehmer der 2. Islamkonferenz. Oder ein Mensch namens Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz oder andere Spitzenpolitiker aus der „ Mitte“, die am Tag der Auschwitz Befreiung direkt auf Muslime zeigen und die Worte „Nationalsozialismus“ oder „Deutschland“ nicht einmal erwähnen, obwohl der Holocaust ein deutsches Verbrechen und kein Muslimisches war.

    Wenn Menschen jeden Tag mit rassistischer Rhetorik, mit Rechtsextremismus und mit Verschwörungstheorien zugedröhnt werden, tagtäglich hören, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, dass die Migrant*innen wie Parasiten seien, die unsere Gesellschaft befallen haben – dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass manche Menschen sich berufen fühlen, die Gesellschaft wieder zu „bereinigen“. Den Worten folgen die Taten. Und die Message geht nicht nur in Richtung des weißen Mannes.
    Es gibt ein türkisches Sprichwort, dass sinngemäß übersetzt bedeutet: „Wenn jemand vierzig Tage lang als verrückt bezeichnet wird, wird er am Ende verrückt werden“. Nicht seit vierzig Tagen und nicht seit vierzig Monaten, sondern seit vierzig Jahren werden Muslime oder andere Minderheiten als Gesindel, Parasiten, Schmarotzer, Terroristen, illoyal und als Kopftuchmädchen bezeichnet. Nichts davon geht, ohne eine Spur zu hinterlassen, einfach vorbei.

    Die Gefahr von Angriffen auf Muslime wird immer noch unterschätzt. An dem Tag, als die Mitglieder der rechtsextremen Gruppe Teutonico verhaftet wurden, hatten sie geplant, Anschläge auf Moscheen in zehn Bundesländern verüben. Sie wollten Muslime töten.
    Dazu schrieb der Rassismus-Forscher Osan Sekariya Keskinkılıtsch: „Muss ich erst getötet werden, damit ihr empört seid?“

    Eine Woche später mussten wir uns empören, weil neun Migrantinnen & Migranten in Hanau ermordet wurden.
    Ja, wir haben in der Politik, in den Medien und in Teilen der Gesellschaft ein Problem, das Anti-Muslimischer Rassismus heißt. Dass macht uns Angst.
    Wir haben Angst, dass wir die Nächsten sein könnten.
    Wir haben Angst, dass wir unsere Mütter, Schwestern, Töchter, Väter und Söhne verlieren könnten.
    Wir haben Angst, dass die Pläne der Nazis, mit Angriffen auf die muslimischen Einrichtungen Gegenangriffe zu provozieren, aufgehen könnten.
    Wir haben Angst, wenn Kinder und Jugendliche aus der Gemeinde, statt nach der Playstation oder dem nächsten Ausflug nach Köln zu fragen, über die eigenen Zukunftsängste sprechen: „Hoca, wenn die Deutschen uns nicht mehr haben wollen, wo gehen wir dann hin?“

    Wir haben aber auch sehr viel Hoffnung und möchten uns nicht von unseren Ängsten leiten lassen.
    Wir haben sehr viel Hoffnung, weil zu unserem Freundeskreis nicht nur Ayse, Gül, Ahmed und Ali sondern auch Ute, Elfi, Markus und Michael gehören.
    Es macht uns Hoffnung, dass wir die Namen, derer, die uns Mut geben, auf mindestens fünf weiteren Seiten hätten aufschreiben können.

    Wir haben sehr viel Hoffnung, wenn wir sehen, dass Woche für Woche hunderte Menschen in Herne sich gegen Rassismus positionieren.

    Es macht uns Hoffnung, wenn wir persönliche oder schriftliche Solidaritätsbekundungen erhalten.
    Es macht uns Hoffnung, wenn Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, denen wir zuvor noch nie begegnet sind, sich bei uns melden und sich über unsere Arbeit freuen.
    Es macht uns Hoffnung, wenn die Polizei unserer Gemeinde uns mitten im Freitagsgebet besucht und erklärt, dass der Staat sich um uns kümmert – dass wir uns in Sicherheit fühlen können.
    Es macht uns Hoffnung, wenn wir uns mit unseren jüdischen, christlichen oder nichtgläubigen Freundinnen, Freunden und Bekannten auf einer Veranstaltung sehen,  wir uns fest umarmen und feststellen dass unsere Herzen gemeinsam für eine Sache schlagen – nämlich für ein friedliches Miteinander.

    Tuncay Nazik – geschrieben am Tag des Amoklaufs.

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