Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2025
80 Jahre sind vergangen, seit die Rote Armee am 27. Januar 1945
die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz befreite.
Auschwitz war Teil des riesigen Netzes aus Konzentrations-, Vernichtungs- und Arbeitslagern, aus Jugendhaftstätten und Einrichtungen des Euthanasieprogramms, das die Nationalsozialisten in ganz Europa errichtet hatten.
Auschwitz ist zum Synonym geworden für millionenfachen Mord, für Folter und für Menschenversuche, zum Synonym für eine bis ins letzte geplante Vernichtungsmaschinerie.
Europäische Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Menschen mit Behinderung – die Nationalsozialisten sprachen ihnen die Zugehörigkeit zum deutschen Volk ab. Sie waren angeblich „ungesund“ für das deutsche Blut und mussten daher weg.
80 Jahre. Das ist lange her, werden sich einige denken; manche sagen es auch laut: Was hat das mit uns zu tun? Da war ich ja noch nicht einmal geboren, selbst meine Eltern waren noch ganz klein. Oder vielleicht auch: Ich habe gar keine deutschen Wurzeln, „Auschwitz“ ist gar nicht Teil meiner Geschichte.
Die schrecklichen Konsequenzen der nationalsozialistischen Ideologie waren möglich, weil eben nicht nur eine Handvoll Nazis mit Adolf Hitler an der Spitze diese Ideologie verfolgten.
Sie wurden möglich, weil viel zu viele Menschen – auch in Herne – wegschauten, als Nachbar:innen, Kolleg:innen, Verwandte, Freund:innen und Bekannte ihre Arbeitsplätze verloren, aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt, bedroht, verhaftet und deportiert wurden.
Viel zu viele schauten weg, obwohl das Unrecht öffentlich vor ihren Augen geschah.
Viel zu viele beteiligten sich aktiv an der Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung.Primo Levi, ein italienischer Schriftsteller und Auschwitz-Überlebender, sagte 1986: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“
Heute, 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, streckt in Deutschland eine Partei ihre Hände nach der Macht aus, die ankündigt, Menschen massenhaft zu deportieren, die ihrer Meinung nach nicht hierhergehören. Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, vor Krieg oder Verfolgung, oder auch vor bittererer Armut. Diese Partei, die „Alternative für Deutschland“, nennt es beschönigend „Remigration“.
Das ist widerwärtig.
Darum erinnern wir immer noch an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 80 Jahren: Es war möglich, dass sich eine menschenverachtende Ideologie in Deutschland ausbreitete, die von großen Teilen der Bevölkerung hingenommen oder gar unterstützt wurde. Es war möglich, dass Menschen vertrieben, deportiert und ermordet wurden.
Und es kann wieder passieren!
Darum geht es uns auch heute noch etwas an, dass das Konzentrationslager Auschwitz 1945 befreit wurde.
Zu verhindern, dass sich eine solche menschenverachtende Ideologie wieder ausbreiten kann: Das ist unsere gemeinsame Verantwortung, unabhängig davon, wann oder wo wir geboren wurden.
Lasst uns gemeinsam dazu beitragen, dass Auschwitz nie wieder sei!
Heute ist der Gedenktag an die Pogromnacht des 9. November 1938.
Auf den ersten Blick ist an der Ecke Schäferstraße und Herman-Löns-Straße nur ein funktionaler Bau zu sehen. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man Gedenkstein und Informationstafel des Projektes Nahtstellen.
Hier stand bis zum 9. November 1938 die Herner Synagoge.
Hier sind die Nahtstellen einer langen Geschichte des Antisemitismus, der nationalsozialistischen Verbrechen und der Zeit nach dem Ende der NS-Herrschaft spürbar – wenn man danach sucht.
Viele Opfer nationalsozialistischer, antisemitischer Gewalt werden allerdings für immer unsichtbar bleiben. Wir kennen nur die Geschichten der Menschen und Orte, von denen Zeugnisse geblieben sind. Wir kennen die Geschichten von Überlebenden, jedoch nicht in ihrer brutalen Gänze die Geschichten der Vielen, deren Leben ausgelöscht wurden.
Wir als Bündnis Herne erinnern heute nicht nur an alle sichtbaren Nahtstellen, sondern denken auch an die vielen nicht erzählten Geschichten, verlorenen Gesichter, verlorenen Namen und verlorenen Orte.
Wir erinnern auch an die Verantwortung jedes und jeder Einzelnen, dafür zu sorgen, dass Auschwitz nie wieder sei. So kann Erinnern am heutigen Tag nur ein Zwischenschritt sein, der in alltägliches politisches Handeln und praktische Solidarität mit allen von Antisemitismus Betroffenen münden muss.
„Unversöhnt, geben wir der Vergangenheit, was wir ihr schulden, und der Gegenwart, was sie annehmbar macht.“ (Siegfried Lenz)
Heute, am 27. Januar 2024, jährt sich die Befreiung des KZ Ausschwitz zum 79. Mal. Es ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
Gestern haben 4.000 Menschen in Herne gegen den wiederaufkommenden Faschismus demonstriert.
Unter diesem Eindruck erinnern wir heute an die Opfer des Nationalsozialismus in Herne und Wanne-Eickel. 405 Menschen jüdischen Glaubens wurden auf grausame, unaussprechliche Weise verfolgt, deportiert und ermordet. Sie waren die ersten Opfer, sie waren nicht die letzten.
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. …“ (Primo Levi, Auschwitz-Überlebender).
In unterschiedlichen Gedenkformaten erinnern die Menschen in Herne und dem Ruhrgebiet seit vielen Jahrzehnten jedes Jahr am 9. November an die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit.
Nach 1933 wurden in Deutschland Jüdinnen und Juden durch zahlreiche antisemitische Maßnahmen an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Novemberpogrome des Jahres 1938 waren ein brutaler zwischenzeitlicher Höhepunkt dieser andauernden Diskriminierung und ein Schlüsselereignis der Verbrechensgeschichte des „Dritten Reiches“ und der Auftakt für die später angestrebte endgültige Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.
Das Bündnis Herne trauert heute. Insbesondere trauern wir in dem Wissen, dass antisemitisches Gedankengut nach wie vor weit verbreitet ist; in den vergangenen Jahren tauchten antisemitische Narrative z.B. immer wieder auch im Zusammenhang mit den „Querdenker“-Demonstrationen auf. Häufig bleiben diese unwidersprochen.
Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts erleben wir Antisemitismus in Deutschland aktuell in einer neuen Dimension, die uns wütend, traurig und auch ratlos macht, gerade weil wir uns in Herne den Widerspruch gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auf die Fahne geschrieben haben.
Man kann gar nicht genug erinnern an das, was Menschen anderen Menschen angetan haben – und immer noch antun.
Deshalb rufen wir zur Teilnahme an der städtischen Gedenkveranstaltung an der Langekampstr. 48, 44652 Herne auf. (9.11., 12:00 Uhr.)
Vor 84 Jahren, am 9. November 1938, brannten auch in Herne und Wanne-Eickel die Synagogen, wurden Menschen jüdischen Glaubens erniedrigt, ausgeraubt, verfolgt, gequält und ermordet. Mehr als 400 jüdische Mitbürger:innen, über 1.700 ausländische Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangene, zahlreiche politische und religiöse Nazi-Gegner, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, Emigranten:innen und Widerstandskämpfer:innen, aber auch 1.500 Bombenopfer des von den Nazis entfachten Weltkrieges dürfen nicht vergessen werden. Viele Naziopfer waren im ehemaligen Polizeigefängnis Herne inhaftiert, wurden von hier auf Transport in Zuchthäuser und Vernichtungslager geschickt und kehrten nie mehr zurück.
NIE WIEDER FASCHISMUS – NIE WIEDER KRIEG!
Auch in diesem Jahr wollen wir wieder gemeinsam an die Reichspogromnacht 1938 erinnern und der zahlreichen Nazi-Opfer der Jahre 1933-1945 in Herne und Wanne-Eickel gedenken.
Erinnern macht nur Sinn, wenn es Konsequenzen hat. Gedenken sollte in diesen Zeiten der Krisen, der Hochrüstung und Kriege, zum Nachdenken und Eingreifen führen. Wir müssen aus der Geschichte Lehren ziehen und verhindern, dass sich ähnliches wiederholt.
Der Schwur der überlebenden Häftlinge des KZ-Buchenwald „Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg“ ist uns Verpflichtung.
MAHNUNG UND PROTEST IN UNSERER ZEIT
Auch insofern verstehen wir das Gedenken an die Reichspogromnacht von 1938 als Mahnung und Protest gegen Intoleranz, Nationalismus, Juden- und Ausländerfeindlichkeit in unserer Zeit. Rechtsextreme Gruppierungen in Deutschland erstarken, Straf- und Gewalttaten wie Körperverletzungen und Brandstiftungen nehmen von Jahr zu Jahr zu. Seit 1990 waren mindestens 219 Todesopfer sowie 16 weitere Verdachtsfälle rechtsextremer Gewaltausübung zuzuordnen. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Hass und Hetze in sozialen Netzwerken und bei rechtspopulistischen Aufmärschen sind an der Tagesordnung. Sympathien für rechtsextremistische, rassistische und antisemitische Bewegungen werden in der Öffentlichkeit mehr und mehr offen zur Schau gestellt. Auch in Herne mussten wir uns zurückliegend rechtsextremer Aufmärsche erwehren, wiederholt standen wir fassungslos vor dem geschändeten Shoah-Mahnmal und Opfergrabstätten oder sind mit Nazi-Schmierereien konfrontiert. Dem stellen wir uns mit unserer Gedenkaktion am 9. November wieder entschlossen in den Weg.
Wir möchten Schüler:innen, Eltern, Freund:innen und Lehrer:innen einladen, uns auch in diesem Jahr wieder bei der Gedenkfeier zu begleiten, um ein persönliches Zeichen gegen Hass und rechte Gewalt zu setzen und für eine demokratische Gesellschaft einzustehen.
Zum Ablauf der Veranstaltung am Mittwoch, 9. November 2022:
Wir treffen uns um 10:00 Uhr am Shoah-Mahnmal (Willi-Pohlmann-Platz, hinter dem Kulturzentrum / Stadtbücherei) und werden dort – nach einer Schweigeminute – Rosen für die jüdischen Opfer der Nazi-Barbarei unserer Stadt ablegen.
Um 10:15 Uhr werden wir dann gemeinsam, geordnet und schweigend am Rathausplatz vorbei über die Freiligrathstraße zum Mahnmal an der Bebelstraße (gegenüber der Herner Post) gehen.
Gegen 10:30 Uhr erfolgen die Kranzniederlegung des DGB am Mahnmal an der Bebelstraße zu Ehren aller Opfer des Nazi-Terrors und kurze Ansprachen von Vertreter:innen der ver.di-Jugend.
Der Förderkreis Mahn- und Gedenkstätte Polizeigefängnis Herne e.V. setzt sich seit 2019 dafür ein, in den Räumlichkeiten des ehemaligen Polizeigefängnis einen Lern- und Erinnerungsort einzurichten, einen Raum für die kritische Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte des NS-Regimes.
Dieses wichtige Projekt ist jetzt aber in hohem Maße gefährdet, denn der Gebäudeeigentümer, der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) hat dieses Gebäude, aus dem die Polizei im kommenden Jahr ausziehen wird, aktuell zum Verkauf ausgeschrieben – ohne Hinweis auf die Initiative für den Lern- und Erinnerungsort Polizeigefängnis.
Um das Vorhaben mit mehr Nachdruck vertreten zu können, hat der Verein nun eine Unterschrifteninitiative gestartet. Mehr Informationen und die Unterschriftenliste zum Download findet ihr hier:
Gedenkveranstaltung am Dienstag, den 9. November 2021 am Herner Shoah-Mahnmal (Kulturzentrum) und in der Nähe des Polizeipräsidiums
Gedenkveranstaltung am Dienstag, den 9. November 2021 am Herner Shoah-Mahnmal (Kulturzentrum) und in der Nähe des Polizeipräsidiums
Im Bündnis wollen die DGB-Geschichtswerkstatt, das Unterrichtsfach „Kohlengräberland“ der Erich-Fried-Gesamtschule, das Projekt „Schule mit Courage – Schule ohne Rassismus“, der Förderverein „Mahn- u. Gedenkstätte Polizeigefängnis Herne e.V.“ und das „Bündnis Herne“ in diesem Jahr wieder der NS-Opfer gedenken und an die Gräueltaten in der Reichspogromnacht 1938 in Herne und Wanne-Eickel erinnern. Ein besonderer Stellenwert hat in diesem Jahr der gemeinsame Einsatz für einen Lern- und Gedenkort im Zellentrakt des ehemaligen Polizeigefängnisses im Hof des aktuell zum Verkauf stehenden Herner Polizeipräsidiums.Zum Hintergrund:
Vor 83 Jahren brannten auch in Herne und Wanne-Eickel die Synagogen, wurden Menschen mit jüdischem Glauben erniedrigt, ausgeraubt, verfolgt, gequält und ermordet. Mehr als 400 jüdische Mitbürger, über 1.700 ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, zahlreiche politische und religiöse Nazi-Gegner, Sinti und Roma, Behinderte, Emigranten und Widerstandskämpfer, aber auch 1.500 Bombenopfer des von den Nazis entfachten Weltkrieges dürfen, nach Meinung der Veranstalter nicht vergessen werden.
Zellentrakt des Polizeigefängnisses muss Lern- und Gedenkort werden
Viele Naziopfer waren von 1933 bis 1945 im ehemaligen Polizeigefängnis Herne inhaftiert und wurden von hier auf Transport in Zuchthäuser und Vernichtungslager geschickt. Insofern wollen die Veranstalter die diesjährige Manifestation auch als Unterstützung für die Forderung nach der Einrichtung eines ständigen Lern- und Gedenkortes im ehemaligen Polizeigefängnis verstanden wissen. Herne braucht einen historischen Ort, wo aktives Erinnern an die Nazi-Barbarei mit dem heutigen Einsatz für Demokratie und Menschenwürde verbunden wird. Dafür bietet sich das nahezu im Originalzustand erhaltene, ehemalige Polizeigefängnis, wie kein anderes Gebäude an.
Erinnern mit Einsatz für Demokratie und Menschenwürde verbinden
Auch heute gibt es wieder Besorgnis erregenden Juden- und Ausländerhass, wie aktuelle Ereignisse gezeigt haben. Am 2. Juni 2019 wurde in Wolfhagen der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wegen seiner Bemühungen für Asylsuchende umgebracht, am 9. Oktober brachte ein Attentäter zwei Menschen um, weil sein Terroranschlag auf die Synagoge in Halle gescheitert war. Am 19. Februar 2020 wurden in Hanau 9 Bürger mit Migrationshintergrund bei einem rechten Terroranschlag ermordet. Seit 2019 sind rechte Straftaten um 15% gestiegen. In diesem Zeitraum gab es 43.6471 rechtsextreme Straftaten, 1.948 davon waren Gewalttaten wie Körperverletzungen oder Brandstiftungen. An jedem Tag gab es 3 rechtsextremistische Gewalttaten, denen Menschen zum Opfer fielen. Sympathien für rechtsextreme, nationalistische, rassistische und antisemitische Bewegungen werden in der Öffentlichkeit mehr und mehr offen zur Schau gestellt, und Hass und Hetze in sozialen Netzwerken und bei rechtspopulistischen Aufmärschen sind an der Tagesordnung. Die Initiatoren: „Wir möchten Mitschüler*innen, Eltern, Freunde und Lehrer*innen einladen, uns auch in diesem Jahr wieder bei der Gedenkfeier zu begleiten, um ein persönliches Zeichen gegen Hass und Gewalt zu setzen und für eine demokratische Gesellschaft einzustehen.“
Zum Ablauf der Veranstaltung:
Treffpunkt ist um 10.00 Uhr am Shoah-Mahnmal (Willi-Pohlmann-Platz, hinter dem Kulturzentrum / Stadtbücherei). Hier werden – nach einer Schweigeminute – Rosen für die jüdischen Opfer unserer Stadt abgelegt. Um 10.15 Uhr Schweigemarsch, am Rathausplatz vorbei über die Freiligrathstr. zum Mahnmal an der Bebelstraße (gegenüber der Herner Post). Gegen 10.30 Uhr folgt die Kranzniederlegung am Mahnmal an der Bebelstraße unweit des ehemaligen Polizeigefängnisses zu Ehren der Opfer des Nazi-Terrors
Es sprechen Schüler*innen des Kohlengräberland-Projekts der EFG und Rolf Dymel vom Förderkreis „Mahn- u. Gedenkstätte Polizeigefängnis Herne e.V.“ (Veranstaltungsende: ca. 11.00 Uhr )
Zur Teilnahme rufen auf:
Schülerinnen und Schüler der Erich-Fried-Gesamtschule, Kohlengräberland-Projekt, Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, Herner DGB-Geschichtswerkstatt, Förderkreis „Mahn- und Gedenkstätte Polizeigefängnis Herne e.V“ , Bündnis Herne
„Dann war es nur noch Nacht und kalt und die Funken der Synagoge stieben durch die Luft.“
„Hinten in der Schule, die zum Synagogenbau gehörte, wurden die Türen eingeschlagen. Fritzlers holten uns aus den Betten. Wir rannten alle in den vorderen Bereich, während es hinten schon anfing zu brennen.“
Joel Katzenellenbogen war als Zwölfjähriger im November 1938 bei seinem Onkel Max Fritzler zu Besuch, der als Lehrer der jüdischen Gemeinde Wanne-Eickel in der Dienstwohnung der Synagoge wohnte. Alptraumhafte Sequenzen sind ihm in Erinnerung geblieben: die beißende Todesangst, plötzlich werden die Kinder aus einem Fenster herausgeschmissen, das Synagogendach bricht hinter ihnen zusammen, und ein Polizist, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hatte, führt das Ehepaar Fritzler in letzter Sekunde aus dem brennenden Haus durch die drohende Menschenmenge hindurch.
„Dann war es nur noch Nacht und kalt und die Funken der Synagoge stieben durch die Luft.“
Die Kosten für Abbruch und Trümmerbeseitigung stellte die Stadt anschließend der jüdischen Gemeinde in Rechnung.
Wir erinnern heute an die Reichspogromnacht am 9. November 1938.
Wie in Herne und Wanne-Eickel wurden in dieser Nacht in ganz Deutschland und Österreich über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört.
Wie in Herne und Wanne-Eickel versammelten sich in dieser Nacht an vielen weiteren Orten Mengen von Schaulustigen, stimmten in die Hetzgesänge der Ausführenden ein und beteiligten sich vielfach an Zerstörungen und Plünderungen, während Polizeieinheiten und Feuerwehren lediglich darauf achteten, dass die Zerstörungen nicht auf Nachbargebäude übergriffen.
Wir erinnern daran, dass in dieser Nacht– einmal mehr – Nachbarn zu Gaffern, Marodeuren und Gewalttätern wurden.
Wir erinnern daran, dass die jüdische Bevölkerung bereits in den Jahren vor 1938 durch zahlreiche Gesetze ausgegrenzt und zu Bürgern zweiter Klasse gemacht worden war. Der 9. November 1938 ist jedoch eine Zäsur, er markiert den Zeitpunkt, ab dem die jüdische Bevölkerung in Deutschland vollständig entrechtet war und als vogelfrei angesehen werden konnte.
Der 9. November ist uns eine Mahnung, niemals zu vergessen, dass die jüdische Bevölkerung in der Zeit des Nationalsozialismus in noch nie dagewesener Weise zum Feind stilisiert wurde, entrechtet, vertrieben und schließlich weitgehend ausgelöscht.
Es ist auch die Mahnung, niemals zu vergessen, dass dies überhaupt erst möglich war, weil zu viele Menschen zu lange weggeschaut, geschwiegen oder mitgemacht haben.
Doch das Erinnern und Mahnen ist leer, wenn es nicht zu alltäglichem Handeln führt!
Handeln ist unverändert geboten, denn Antisemitismus hat in Deutschland nach wie vor einen fruchtbaren Boden: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr ist uns allen noch im Gedächtnis, es gab weitere Anschläge und Übergriffe, die es nicht oder nur kurz in die Schlagzeilen geschafft haben, nicht zu vergessen die antisemitischen Diskriminierungen unterhalb der Strafbarkeit, zum Beispiel Pöbeleien im öffentlichen Raum und Postings in den sozialen Medien – vielerorts trauen sich Jüdinnen und Juden nicht, sich öffentlich als solche zu erkennen zu geben.
Worte haben im Dritten Reich den Boden bereitet für Antisemitismus in seiner fürchterlichsten Ausprägung. Worte bereiten auch heute den Boden für Taten:
Wenn Herr Gauland die Zeit von 1933 bis 1945 als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ bezeichnet und Herr Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ nennt, sind dies Versuche der Relativierung und Verharmlosung der Shoa und zusätzlich die Negierung einer Verantwortung im Hier und Heute. Wenn die AfD, wie dieses Jahr in Hessen geschehen, den 9. November als „Schicksalstag der Deutschen“ zum Gedenk- und Feiertag erklärt wissen möchte, ist die Absicht ebenso leicht zu durchschauen: Im Gedenken an sehr unterschiedliche Wendepunkte der deutschen Geschichte soll das Gedenken an die systematische Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens im Dritten Reich verwässert und in den Hintergrund gedrängt werden.
Aktuell werden bei zahlreichen Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen antisemitische Schuldzuweisungen für die Pandemie bzw. den Umgang mit ihr geäußert. Teilnehmende stilisieren sich durch das Tragen des so genannten Judensterns mit der Aufschrift „ungeimpft“ als Opfer im Sinne der Verfolgten im Dritten Reich – eine weitere Verharmlosung der Shoa und des Nationalsozialismus!
Führungsfiguren der Herner „besorgten Bürger“ haben unter dem Banner der „Bruderschaft Deutschland“ am 3. Oktober in Berlin gemeinsam mit der rechtsextremistischen und neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ demonstriert, die sich offen antisemitisch positioniert. Damit haben sie einmal mehr deutlich gemacht, wo wir sie einzuordnen haben: Wer wissentlich und absichtlich mit Nazis marschiert, macht sich deren Ideologie zu eigen.
Vor dem Hintergrund dieser Beispiele sind die Ergebnisse einer Studie des World Jewish Congress, in der es u.a. um antisemitische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung geht, erschreckend, aber nicht überraschend: Ein Drittel der Befragten hält die Ausgrenzung bis hin zu Gewalt gegen Juden oder jüdische Symbole und das Aberkennen allgemein gültiger Rechte scheinbar für normal. Ebenso viele können keine Diskriminierung von Juden in Deutschland erkennen.
Im Einsatz gegen Antisemitismus sehen nur 20% der Befragten die Zivilgesellschaft in der Verantwortung. Mehrheitlich ist die Erwartung, dass die Regierungen und öffentlichen Institutionen dieser Verantwortung gerecht werden.
Selbstverständlich ist der Staat in der Pflicht, einen besseren Schutz vor Übergriffen, die Sicherung jüdischer Einrichtungen, eine effektive Strafverfolgung und intensive Prävention zu gewährleisten.
Das entbindet aber doch nicht die Zivilgesellschaft von der Verantwortung, wachsam zu sein, einzuschreiten, wenn z.B. in Diskussionen antisemitische Stereotype bedient werden, wenn auf der Straße jemand wegen seiner Kippa angepöbelt oder sogar geschlagen wird!
Im Gedenken an Joel Katzenellenbogen, an die 401 Opfer der Shoa aus Herne und Wanne-Eickel und an die vielen weiteren Jüdinnen und Juden, deren Leben durch die Ereignisse von 1933 bis 1945 zerstört wurden, erinnern wir daher heute auch und ganz besonders an unser aller Verantwortung: Lasst uns eine aufmerksame und wache Zivilgesellschaft sein, die nicht wegschaut, sondern den Mund aufmacht, wenn Menschen diskriminiert werden.
Lasst uns eine Zivilgesellschaft sein, die gemeinsam dazu beiträgt, dass Auschwitz nie wieder sei!
Zitate und Erinnerungen entnommen aus dem Buch Herne und Wanne-Eickel 1933 – 1945 Ein historischer Stadtführer von Ralf Piorr (Hg.) 2013
Gedenken an die Reichspogromnacht in Herne am Shoah-Mahnmal!
Wir alle spüren einen Klimawandel im doppelten Sinne. Das bringt uns heute wieder hier, an diesen Ort der Erinnerung und Mahnung zusammen. Mit Beidem finden wir uns nicht ab! Nicht mit der, von Menschen gemachten und die menschliche Existenz bedrohenden Zunahme globaler Wetterextreme. Und auch nicht mit dem gesellschaftspolitischen Klimawandel, der zunehmenden Kälte in der Gesellschaft und wachsender rechtsextremer Gewalt und Menschenfeindlichkeit.
Bertolt Brecht schreibt:
„Da fragte ich mich: Was für eine Kälte
Muss über die Leute gekommen sein!
Wer schlägt da so auf sie ein
Das sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!“
Heute ist ein Anlass daran zu erinnern, dass unsere Schule den Namen „Erich Fried“ trägt. Erich Fried, dem verfolgten Juden gelang 1938, dem Jahr der Pogrome, als 17-jährigem die Flucht vor den Nazis. Fried verstand sich zeitlebens als ein Schriftsteller, der gegen Faschismus, Rassismus, Unterdrückung und Vertreibung unschuldiger Menschen anschrieb. Wir stellen uns bewusst in seine Tradition.
Erich Fried schreibt in seinem Gedicht „Dann wieder“:
„Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewusst haben konnte
was keiner geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewollt haben wollte.“
Wie in den letzten Jahren haben wir uns heute wieder hier versammelt, um gemeinsam an die Opfer von Nazi-Terror und Krieg zu erinnern. Wir stehen gemeinsam dafür ein, dass sich das Leid, dass Rechtsextreme und Nazis damals über die Menschheit gebracht haben, niemals wiederholt. Gemeinsam mit vielen Menschen aus der Herner Stadtgesellschaft und dem „Bündnis Herne“, stellen wir uns den Nazis von heute in den Weg! Den Rassisten, die wöchentlich durch Herne marschieren, überlassen wir nicht unsere Stadt!
Wir stehen hier an diesem Mahnmal für die Opfer des Widerstandes gegen den Faschismus, um an die Männer, Frauen und Jugendlichen aus Herne und Wanne-Eickel zu erinnern, die ihre Gesundheit und ihr Leben im Widerstand gegen die Nazi-Barbarei und den Krieg lassen mussten. Die Opfer von damals mahnen uns, heute wachsam zu sein!
Viele der Verfolgten, die damals unter ständiger Lebensgefahr Widerstand leisteten, mussten schon früh ihre Heimat verlassen, weil sie vor den Nazis, ihren zahllosen Helfern und Mitläufern flüchten mussten. Oft fanden die Emigranten Unterschlupf und Hilfsbereitschaft in Deutschland und in anderen Ländern.
Wir haben uns auch heute wieder hier zusammengefunden, um der zahlreichen Opfer von
Faschismus,
Nationalismus,
völkischem Denken,
Rassenwahn,
Zwangsarbeit und Krieg
in unserer Stadt zu gedenken.
Wieder stehen wir gemeinsam heute hier, um daran zu erinnern, dass am 9. November 1938, vor 81 Jahren in Herne und Wanne-Eickel die jüdischen Gotteshäuser, die Synagogen, von den Nazis und ihren Helfern in Brand gesteckt, jüdische Mitmenschen und Nachbarn entrechtet, verfolgt, beraubt und ermordet wurden.
Wir sind heute aber auch wieder hier um laut NEIN zu sagen: Wir sagen Nein zu Hass und Gewalt gegen schutzsuchende Flüchtlinge und Ausländer und Menschen anderer politischer Gesinnung, ihrer Hautfarbe oder ihrer religiösen oder sexuellen Orientierung! Wir finden uns nicht damit ab und wir sind empört darüber, dass – fast täglich – Menschen auf ihrer Flucht vor grausamen Kriegen, vor Verfolgung, Not und Elend zu Tode kommen!
Wir sagen NEIN
zu brennenden Flüchtlingsunterkünften! Zu Mord-und Gewaltandrohungen gegen Politiker, Journalisten. Klimaaktivisten und Andersdenkende!
Wir sagen NEIN zu der rassistischen Hetze der geistigen Brandstifter in sozialen Netzwerken, auf dem Schulhof, an den Stammtischen, im Betrieb oder auf der Straße! Wir stellen uns schützend vor unsere Mitschülerinnen und Mitschüler aus Migrationsfamilien und sagen ihnen mit Erich Fried: „Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bis du die ganze Welt!“
Wir sagen NEIN
zu allen Kriegen auf der Welt und zum Waffenhandel!
Wir sagen NEIN
zu Armut und sozialer Ungerechtigkeit in unserer Stadt, in unserem Land und in der Welt!
Wir treten ein
für Menschlichkeit und Solidarität,
für Toleranz und Vielfalt,
für den Frieden, soziale Gerechtigkeit und eine glückliche Zukunft a l l e r Menschen!
Darum bitten wir euch,
Schaut nicht weg, sondern seht genau hin!
Ergreift das Wort, wenn andere zum Unrecht schweigen!
Nehmt Anteil am Schicksal eurer Mitmenschen, wo andere gefühlskalt und gleichgültig die Schulter zucken!
Werdet aktiv, helft mit und bietet der Unmenschlichkeit die Stirn!
Wer Flüchtlinge, Migranten und Andersdenkende angreift und verächtlich macht, greift uns an und macht uns verächtlich!
Wer die Rechte der Schwachen missachtet, missachtet auch uns! Wer Kriege anzettelt und vom Waffenhandel profitiert, wer den Klimawandel ignoriert und verleugnet, gefährdet das Überleben auf unserem Planeten, zerstört die Heimat und Lebensgrundlage von Millionen Menschen!
Und der bedroht auch unsere Zukunft!
Bertold Brecht schreibt:
„Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“
Erich Fried mahnt:
„Die Zukunft liegt nicht darin, dass man an sie glaubt oder nicht an sie glaubt, sondern darin, dass man sie vorbereitet.“
Greifen wir also aktiv ein, überlassen wir unsere Zukunft nicht denen die Hass und Gewalt predigen! Unsere Zukunft vorzubereiten bedeutet, heute für einander einzustehen und zu verhindern, dass sich Geschichte wiederholt!
Wir bitten Euch nun um eine Schweigeminute im Gedenken an die Opfer des Nazi-Terrors von damals und heute!