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    Das geht uns alle an!

    Statement Bündnis Herne zur Correctiv-Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“

    Am 10. Januar 2024 hat das Rechercheportal Correctiv ein Geheimtreffen von AfD, Identitärer Bewegung und anderen rechtsradikalen Beteiligten mit finanzkräftigen Unternehmern in Potsdam enthüllt. Darüber ist in den vergangenen Wochen umfassend berichtet worden.
    https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/

    Der ganze dort diskutierte „Masterplan Remigration“ ist ein einziger Angriff auf die deutsche Verfassung und in seiner Ideologie im Kern faschistisch.

    Es geht um unsere Kolleg:innen, Freund:innen, Partner:innen, Kinder …

    Es geht auch um uns selbst: Neben „Migrant:innen“passen auch all jene, die sich gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einsetzen, nicht in das faschistische Weltbild. In diesem haben all diejenigen keinen Platz, die sich für demokratischen Pluralismus engagieren, die einen Lebensentwurf jenseits der Vorstellung von „Vater, Mutter, Kind(er)“ leben, die eine inklusive, vielfältige und offene Gesellschaft erhalten und verbessern möchten.

    Schlicht: Es geht um uns alle!

    AfD-Wähler:innen müssen das spätestens jetzt verstanden haben. Jetzt ist ihre letzte Möglichkeit, sich vom antidemokratischen Populismus abzuwenden. Die AfD hat hingegen bei der Landratswahl im Saale-Orla-Kreis, nur wenige Tage nach den Enthüllungen, knapp 46% der Stimmen auf ihrem Kandidaten versammeln können und landete damit knapp unter der absoluten Mehrheit. Die Stichwahl am 28.01.2024 konnte der CDU-Kandidat dann ganz knapp für sich entscheiden. Aktuell gehen bei der AfD täglich 130 bis 150 neue Mitgliedsanträge ein. Wir müssen also davon ausgehen, dass dieses völkisch-faschistische Programm genau das ist, was die Mehrheit der AfD-Wähler:innen will. Das sind schon längst keine „Protestwähler:innen“ mehr!

    Wir sagen: Wer faschistische Programmatik wählt, macht sich zum Steigbügelhalter menschenfeindlicher Politik.

    Auch die Herner AfD positioniert sich deutlich entsprechend dem bekannt gewordenen „Masterplan“, nicht nur mit dem üblichen Gehetze in den sozialen Medien, sondern auch mit Anfragen an die Stadtverwaltung (25.01.2024: Anfrage an den Schulausschuss nach dem „Migrationshintergrund Herner Schülerinnen und Schüler“) und Anträgen im Stadtrat (ganz aktuell für den 20.02.2024 die Forderung nach „Sach- statt Geldleistungen für Asylbewerber“). Beide Beispiele zielen darauf ab, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte verantwortlich zu machen für Missstände (hier: schlechtes Abschneiden deutscher Schüler:innen in der PISA-Studie) und ökonomischen Druck auszuüben.

    Damit wird der Kurs gehalten, den die hiesigen AfD-Akteur:innen auch bereits in der Vergangenheit verfolgt haben: Insbesondere in den sozialen Medien finden Positionen aus dem Höcke-Flügel nämlich schon lange überproportional viel Widerhall.

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    Welche Auswirkungen hätte ein Wahlerfolg der AfD konkret?

    Bei den anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ist eine Stimmenmehrheit der AfD und auch eine Regierungsverantwortung nicht mehr ausgeschlossen. Damit würde die AfD Einfluss auf Innen- und Rechtspolitik sowie auf die Bildungspolitik erlangen. Wir müssten mit dem Abbau liberaler Grundrechte rechnen, mit dem autoritären Umbau von Institutionen, mit Schikanen gegen viele Menschen in großem Stil.

    Selbst wenn die AfD trotz hoher Stimmengewinne nicht an einer Regierung beteiligt sein sollte, weil die übrigen Parteien sich zusammenraufen und die „Brandmauer“ aufrechterhalten, droht eine Blockade parlamentarischer Entscheidungen – ein Drittel der Sitze reicht aus, um Entscheidungen, für die eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist, unmöglich zu machen.

    Es reicht im übrigen schon, wenn die AfD als stärkste Fraktion den Landtagspräsidenten stellt:

    War das Ausfertigen und Verkünden von Gesetzen bisher eine Formalität, könnten zukünftig unliebsame Gesetze einfach nicht mehr verkündet werden, damit würden beschlossene Gesetze nicht zu geltendem Recht – siehe Polen unter der PiS-Regierung.

    In der Vertretung des Landtages nach außen wären z. B. Einladungen an rechtsextreme Institutionen und Verbände zu Veranstaltungen zu erwarten.
    Weitere Beispiele finden sich hier:
    https://verfassungsblog.de/warum-die-machtubernahme-durch-die-afd-schon-fruher-beginnen-konnte-als-viele-glauben/

    In mehreren Bundesländern werden am Tag der Wahlen zum Europäischen Parlament (09.06.2024) die Gemeinde- und Stadträte gewählt. Auch auf dieser Ebene könnte die AfD erheblichen Schaden anrichten, z B. wenn es um die Vergabe von Bundesmitteln für Demokratieprojekte geht. Was die AfD von diesen Projekten hält, hat sie schon vielfach kundgetan.

    Und bereits seit Jahren haben rechtsextreme Kräfte die Gesellschaft verändert, ganz ohne Regierungsverantwortung, z. B. durch die ständige Erweiterung der Grenzen des Sag- und Machbaren. Das gipfelte zuletzt in der Wahl zweier AfD-Kandidaten zu ehrenamtlichen Verfassungsrichtern in Bayern – weil CSU und Freie Wähler nicht vom bisher üblichen Prozedere abweichen wollten.

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    Es tut in diesen Tagen gut zu sehen, wie vielen Menschen dank der Correctiv-Recherche endlich bewusst geworden ist, welche Gefahr von der AfD und ihrem rechtsradikalen Umfeld für unsere tolerante, vielfältige Gesellschaft ausgeht. Es macht Mut, all die großen und z. T. auch riesigen Demonstrationen zu sehen.

    Der Ruck, der aktuell durchs Land geht, darf aber nur der Auftakt sein für ein langfristiges und nachhaltiges Eintreten für Demokratie, Toleranz und Vielfalt! Der Kampf gegen die menschenverachtende Ideologie von AfD & Co. ist nämlich noch lange nicht gewonnen.

    Für das, was uns allen unabhängig von der sonstigen politischen Orientierung , am Herzen liegt, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, müssen alle Menschen in diesem Land täglich immer wieder aufs Neue aufstehen und ihre Stimme erheben – im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in der Familie. Das wurde zu Recht in vielen Redebeiträgen eingefordert, auch auf der großen Demonstration der „Schirme gegen Rechts“ am 26.01.2024 in Herne. Es reicht nicht, einmal (oder auch zwei- oder dreimal) mit Tausenden anderen Menschen gemeinsam „Alle zusammen gegen den Faschismus“ zu rufen! Für die Größe der Bedrohung ist ein Hashtag zu klein (Casper, aus „Alle hassen Nazis“).

    Wir appellieren an die potentiellen Wähler:innen der AfD:

    Lest das Parteiprogramm, beschäftigt euch mit den Zielen der AfD. Ihr werdet feststellen, dass diese Partei sich selbst zwar als „Anwalt der kleinen Leute“ bewirbt, tatsächlich aber eine Politik genau gegen diese Menschen machen wird: Sie will Sozialleistungen kürzen, die Subventionen in der Landwirtschaft streichen, aus dem großen Friedens- und Wohlstandsprojekt „Europäische Union“ austreten.

    Und wenn ihr mit dem politischen Angebot von Ampel, CDU oder der LINKEN nichts anfangen könnt: Wählt aus dem großen Angebot auf dem Stimmzettel irgendeine andere Partei, aber nicht die AfD! Sie schadet uns allen, und eben ganz besonders den ohnehin schon nicht so gut gestellten Menschen in diesem Land. Nicht zu wählen, ist keine Option: Eine geringere Wahlbeteiligung spielt der AfD zusätzlich in die Karten.

    Wir appellieren an die Verantwortlichen in der Politik:

    Macht eine Politik, die die Menschen verstehen, trefft Entscheidungen, die die Bevölkerung nachvollziehen kann. Und bleibt bei Entscheidungen, statt sie schon gleich am nächsten Tag wieder über den Haufen zu werfen. Macht eine Politik, die sich um die aktuellen Herausforderungen kümmert – überlasst der AfD nicht die Themensetzung, lauft ihr nicht hinterher, sondern wartet mit eigenen Lösungen auf, die dem Selbstverständnis dieses Landes als demokratisch, vielfältig und tolerant entsprechen.

    Und hört endlich auf, politisch Andersdenkende aus dem demokratischen Parteienspektrum wie Feinde zu behandeln – ihr seid keine Feinde, sondern Gegner in der Sache. Wir erwarten einen respektvollen Umgang miteinander, dann wirkt die Auseinandersetzung um Lösungen auch nicht wie ein Kampf bis aufs Blut, sondern wie das, was sie sein sollte: Ein Streit um die beste Lösung.

    Wir appellieren an alle demokratisch gesinnten Bürger:innen:

    Wehrt euch mit aller Kraft gegen diejenigen, die mit den Mitteln unserer Verfassung unsere freiheitliche, tolerante und vielfältige Gesellschaft zerstören wollen. Es ist „5 vor 12“ für unsere Demokratie – oder, wie auf einem Demoplakat stand: „5 vor 33“.

    Deshalb, im übertragenenen Sinne: Auf die Barrikaden! Heute, morgen, immer!

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    Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – 27. Januar 2024

    Heute, am 27. Januar 2024, jährt sich die Befreiung des KZ Ausschwitz zum 79. Mal. Es ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

    Gestern haben 4.000 Menschen in Herne gegen den wiederaufkommenden Faschismus demonstriert.

    Unter diesem Eindruck erinnern wir heute an die Opfer des Nationalsozialismus in Herne und Wanne-Eickel. 405 Menschen jüdischen Glaubens wurden auf grausame, unaussprechliche Weise verfolgt, deportiert und ermordet. Sie waren die ersten Opfer, sie waren nicht die letzten.

    „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. …“ (Primo Levi, Auschwitz-Überlebender).

    Nie wieder ist jetzt.

  • Bild der alten Synagoge Herne künstlerisch verfremdet

    Zum 9 November

    In unterschiedlichen Gedenkformaten erinnern die Menschen in Herne und dem Ruhrgebiet seit vielen Jahrzehnten jedes Jahr am 9. November an die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit.

    Nach 1933 wurden in Deutschland Jüdinnen und Juden durch zahlreiche antisemitische Maßnahmen an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die Novemberpogrome des Jahres 1938 waren ein brutaler zwischenzeitlicher Höhepunkt dieser andauernden Diskriminierung und ein Schlüsselereignis der Verbrechensgeschichte des „Dritten Reiches“ und der Auftakt für die später angestrebte endgültige Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

    Das Bündnis Herne trauert heute. Insbesondere trauern wir in dem Wissen, dass antisemitisches Gedankengut nach wie vor weit verbreitet ist; in den vergangenen Jahren tauchten antisemitische Narrative z.B. immer wieder auch im Zusammenhang mit den „Querdenker“-Demonstrationen auf. Häufig bleiben diese unwidersprochen.

    Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts erleben wir Antisemitismus in Deutschland aktuell in einer neuen Dimension, die uns wütend, traurig und auch ratlos macht, gerade weil wir uns in Herne den Widerspruch gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auf die Fahne geschrieben haben.

    Man kann gar nicht genug erinnern an das, was Menschen anderen Menschen angetan haben – und immer noch antun.

    Deshalb rufen wir zur Teilnahme an der
    städtischen Gedenkveranstaltung an der Langekampstr. 48, 44652 Herne auf. (9.11., 12:00 Uhr.)

  • Foto von zwei Kinderhände, die sich halten in schwarzweiß

    Entsetzen über die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten

    Das Bündnis Herne ist entsetzt über die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten. Unsere Herzen sind bei allen Opfern und ihren Angehörigen sowie allen, die um ihr Leben und das ihrer Lieben bangen. Wir verurteilen die Verhöhnung der Opfer der terroristischen Angriffe der Hamas und die Relativierung der Taten, wie beispielsweise bei einer Demonstration in Duisburg am vergangenen Montag. Das Bündnis Herne steht gegen Antisemitismus im Ruhrgebiet und weltweit.

  • Unkenntlich gemachtes Foto des Aufrufs "Pott Autokorso"

    Stellungnahme „Pott Autokorso“ 03.06.2023

    Am Samstag, 03.06.2023, durchquerte ein Autokorso der „Schwurbler“-Szene das Ruhrgebiet und legte auch in Herne einen Zwischenstopp ein. Vertreter:innen des Bündnis Herne machten sich vor Ort ein eigenes Bild.

    Mutmaßlicher Veranstalter des Autokorsos war der ehemalige DJ Michael Schele. Er mitorganisiert seit etwa drei Jahren Autokorsos im ganzen Bundesgebiet (usprünglich gegen die Coronamaßnahmen) und ist auch immer wieder z. B. als Ordner an Demonstrationen der zunehmend von Rechtsradikalen dominierten „Schwurbler“-Szene beteiligt. Eine Distanzierung von den rechtsradikalen Einflüssen ist bei ihm nicht zu erkennen.

    Die Demofahrt dauerte insgesamt ca. zwölf Stunden und richtete sich u.a. gegen „die hohen Energiekosten“, „den Erhalt der Landwirtschaft“ und gegen den „Pandemievertrag“ (siehe Wikipedia:
    Internationaler Vertrag zur Pandemieprävention).

    Der Autokorso scheint von der Herner Bevölkerung weitgehend unbeachtet geblieben zu sein, auch war kein einziger Pkw mit Herner Kennzeichen beteiligt.

    Das Bündnis Herne nimmt den Korso dennoch zum Anlass für eine erneute Warnung vor der dahinterstehenden Szene.

    So ließen schon die Durchsagen während der Korsofahrt die Nähe zur Reichsbürgerszene klar erkennen: Es war von der „Firma Bundesrepublik Deutschland“ die Rede, die mit der „Firma WHO“ einen Vertrag über die Abtretung nationaler Rechte geschlossen habe. Implizit steht hinter der Verschwörungserzählung von der machtgierigen und vermeintlich allmächtigen WHO immer auch die antisemitische Erzählung über die jüdische Weltherrschaft.

    Einige der Durchsagen waren nicht nur falsch, sondern möglicherweise zudem justiziabel, wenn beispielsweise von der „faschistischen Bundesregierung“ die Rede war.

    Wir warnen: Der mutmaßliche Veranstalter des Autokorsos zeigt nicht nur unverhohlen seine Nähe zur Reichsbürgerszene, er ist mit seinem Auto und dem Equipment regelmäßig aktiv an den Demonstrationen der rechtsradikal dominierten „NRW Erwacht“-Demos beteiligt.

    Die Autokorsos wie auch die Demozüge durch die Innenstädte haben zwar mittlerweile erheblich an Zulauf verloren; es ist aber eine zunehmende Radikalisierung bei dem harten Kern der Beteiligten zu erkennen.

    Wir betonen noch einmal, dass wir die Meinungsfreiheit als hohes Gut ansehen; es gilt natürlich, auch andere Meinungen auszuhalten. An der Stelle, wo die Meinungsfreiheit jedoch für antidemokratische Umtriebe missbraucht wird, ist für uns eine rote Linie überschritten. Als Stadtgesellschaft müssen wir die antidemokratische Szene aus „Schwurbler“, Reichsbürgern und Rechtsradikalen daher weiterhin im Auge behalten und uns ihren Aktivitäten gegebenenfalls entgegenstellen.

  • Mitglieder des Bündnis Herne mit Banner vor der Kreuzkirche in Herne

    Nazischmierereien im öffentlichen Herner Raum

    Am vorvergangenen Wochenende (22./23.10.2022) sind im öffentlichen Herner Raum (St. Bonifatius-Kirche und KUZ) Nazi-Schmierereien aufgetaucht. Das können und dürfen wir nicht unwidersprochen lassen!

    Wir vom Bündnis Herne werden uns nicht an Spekulationen über die Urheberschaft beteiligen. Das zu klären, ist Aufgabe der Polizei und des Staatsschutzes.

    Aber: Wer Hakenkreuze in den öffentlichen Raum schmiert, meint dies immer als Provokation.

    Das verurteilen wir vom Bündnis Herne von ganzem Herzen!

    Wir erklären uns solidarisch mit der betroffenen katholischen Kirchengemeinde St. Dionysius, die bei vielen unserer Aktivitäten an unserer Seite stand und steht.

    Es geht hier aber nicht nur um eine ärgerliche Sachbeschädigung.

    Hakenkreuze und Hitlergrüße im öffentlichen Raum sind vor allem eine Verhöhnung der unzähligen Opfer des Nationalsozialismus!

    Hakenkreuze und Hitlergrüße im öffentlichen Raum sind allerdings auch ein weiterer Beleg dafür, dass sich die Grenzen des Sag- und Machbaren verschoben haben und weiter verschieben: Hemmungen und Skrupel schwinden, wenn es darum geht, zu hetzen und zu diffamieren. Das rücksichtslose Herumtrampeln auf den Gefühlen anderer gehört für einige offenbar längst zu ihren Grundrechten. Hass und Hetze verletzen aber nicht nur Gefühle, sondern bieten auch den Nährboden für Gewalt. Das erfüllt uns schon länger mit großer Sorge!

    Dass wir dies nun hier in Herne erleben, macht einmal mehr deutlich, wie wichtig der Zusammenhalt der Herner Zivilgesellschaft ist.

    Wir müssen gemeinsam weiter aufklären, dagegen halten und unsere Stimmen erheben, wenn jemand Nazischeißdreck redet oder schreibt!“

    (dieses Statement haben wir am vergangenen Samstag im Anschluss an das wöchentliche Friedensgebet vor der Kreuzkirche verlesen. Vielen Dank an die Glaubensgemeinschaften, die uns den Rahmen zur Verfügung gestellt haben!)

  • Transgenderflagge

    Transgender-Mädchen von Kindern ins Koma geprügelt

    Das Bündnis Herne hat sich in den letzten beiden Jahren am digitalen Herner CSDs beteiligt, wir freuen uns, dieses Jahr beim ersten Herner Straßen-CSD dabei zu sein.

    Dieser furchtbare Vorfall macht deutlich, dass es beim CSD nicht nur um ein bisschen Party geht, sondern um die Normalisierung der Sichtbarkeit unterschiedlichster Lebensentwürfe und geschlechtlicher (Selbst-)Zuordnungen.

    Jessi hat es für das Bündnis Herne auf den Punkt gebracht:

    Die richtigen Worte zu finden und das noch im Namen aller Personen des Bündnis Herne ist schwierig.

    Wahrscheinlich sollte es sachlich sein, aber ich, genau wie einige andere Personen des Bündnis Herne, habe Kinder im Alter der Betroffenen und bin einfach nur fassungslos, entsetzt, traurig, wütend und mein Kopf ist leer, aber mein Herz umso voller. Niemand, der nicht in eine ähnlich fürchterliche Situation geraten ist, kann es sich vorstellen, nachvollziehen, geschweige denn sich hineinversetzen.

    Ich bin fassungslos, dass so eine abscheuliche Tat passiert. Ich bin entsetzt, dass es Kinder sind, die so brutal und hasserfüllt agieren. Ich bin traurig, dass Jess sich in Gefahr begibt, nur weil sie sie selbst sein möchte. Ich bin wütend, denn

    ich habe gehofft, wir wären weiter…

    Im Namen des Bündnis Herne möchte ich zum Ausdruck bringen, dass wir die Tat bis ins Letzte verurteilen, unsere Genesungswünsche Jess gelten und wir hoffen, dass sie ihren Mut und ihre Stärke dadurch nicht einbüßt. Wir sehen Dich.

    Der Artikel zu diesem Vorfall in der WAZ Herne.

  • SharePic zu "Rückblick „Packt den Pott nicht an!“ 06.03.2022"

    Rückblick „Packt den Pott nicht an!“ 06.03.2022

    Unter dem Motto „Packt den Pott nicht an!“ hatten wir am vergangenen Sonntag (06.03.) zu einer Kundgebung Am Buschmannshof aufgerufen. Anlass war eine angekündigte Versammlung der „Querdenken“-Szene, für die ruhrgebietsweit mobilisiert worden war.

    Das Bild, das sich uns bot, als der „Schwurbelzug“ an uns vorbeilief, mussten wir erstmal verdauen und einordnen – das ging vielen von euch wahrscheinlich ähnlich.

    Da die Samstagsdemos mittlerweile ganz eingestellt worden waren und die „Montagsspaziergänge“ konsequent nur ein lächerlich kleines Trüppchen auf die Straße bringen, hatte wohl niemand mit einer solch großen Zahl an Teilnehmer:innen auf Seiten der Coronamaßnahmenverweiger:innen und Demokratiefeind:innen gerechnet.

    Hier ein paar Gedanken unsererseits:

    Allein schon der Titel der Veranstaltung „Der Pott ERWACHT“ beschwört Erinnerungen an Zeiten herauf, in denen „Deutschland erwachen“ sollte; dieser Bezug zur NS-Zeit setzte sich in der Aufmachung des Onlineflyers wie auch in den martialisch-aggressiven Mobilsierungsvideos fort.

    Die Mobilisierung zu dieser Veranstaltung ist nahezu ausschließlich über die einschlägigen Telegramgruppen erfolgt. Es ist bekannt, dass diese Gruppen von „rechts außen“ orchestriert werden („Freie Sachsen“/“Freie Nordrhein-Westfalen“, „Die Rechte“, NPD, Afd, dieBasis). Das macht nicht zwangsläufig alle Teilnehmenden einer solchen Demo zu „Nazis“ oder „Rechtsradikalen“.

    Aber: Wir können davon ausgehen, dass die allergrößte Mehrheit der Teilnehmenden in diesen Telegramgruppen auf die Kundgebung aufmerksam wurde, in denen von morgens bis abends Verschwörungserzählungen (häufig einhergehend mit antisemitischen Bezügen) und Falschinformationen geteilt werden, die immer unwidersprochen bleiben. Die Chatverläufe dieser Gruppen triefen von einem grundlegenden Misstrauen in Politik, Regierung, Institutionen etc.

    Insofern können wir mit einiger Berechtigung festhalten: Wer da am Sonntag mitgelaufen ist, hat sich wissentlich in die Riege der Demokratiefeind:innen eingereiht und muss sich insofern nicht wundern, wenn er/sie auch als das bezeichnet wird.

    Der demokratiefeindliche Tenor in den Chats fand seine Entsprechung während der Demo in den Durchsagen aus den Lautsprecherwagen und Megafonen wie auch in zahlreichen der mitgeführten Plakate (Beendigung des Staatsstreiches bzw. der hier herrschenden Diktatur, Falschinformationen zur Pandemie etc.).

    Die in diesem „Aufzug“ versammelte Melange an Menschen gab ein skurriles Bild ab: Menschen, die eher dem esoterischen Spektrum zugerechnet werden konnten, tanzten durch die Straßen, neben/hinter sich Menschen in Tarnfleck oder mit Kriegsbemalung im Gesicht, dann wieder Menschen mit Friedensfahnen; dazwischen bekannte Rechtsradikale, Menschen aus den verschiedenen lokalen „Pegida“-Ablegern, und Reichsbürger:innen. Wie schon in anderen Städten liefen vermeintliche Pflegekräfte vorne weg; und die Herner Feuerwehr hat sich aufgrund eines Banners mit „Feuerwehrbezug“ zu einer scharfen Distanzierung genötigt gesehen. Auch die gezeigte „Antifa“-Fahne war schon bei einer früheren Gelegenheit als Fake enttarnt worden. Auch sogenannten „freie Linke“, die nichts mit der Partei DIE LINKE zu tun haben, zogen mit.

    Russische Fahnen wurden ebenso geschwenkt wie ukrainische, auch gelb blaue Symboliken fehlten nicht. Diese widersprüchlichen Botschaften werden in der Bevölkerung als „wir sind die Mehrheit“ wahrgenommen, ungeachtet der nicht miteinander zu verbindenden Botschaften.

    Das sehen wir als gefährlich an.

    Überall im Zug folgten Teilnehmende der Aufforderung der Veranstalter:innen, dem Gegenprotest „ganz viel Liebe“ zu zeigen – es war mehr als deutlich zu erkennen, dass die „Herzgesten“ bei vielen nicht ansatzseite von Herzen kamen, sondern nur der Provokation dienten.

    Der karnevalsartige Charakter, den der Demozug teilweise hatte, stand in verstörendem Widerspruch zum Krieg gegen die Ukraine, der auch hier bei vielen als bedrückend und beängstigend wahrgenommen wird.

    Im Angesicht eines Krieges vor unserer Haustür, der viele Menschen verschiedenen Formen von Gewalt aussetzt, ein solches Spektakel zu veranstalten, zeugt von genau der grotesken Ich-Bezogenheit, die wir von Anfang an thematisiert haben.

    Während in Russland zahlreiche Menschen verhaftet werden, die trotz zu erwartender Repressalien gegen den Krieg auf die Straße gehen, schwenken die „Wahnwichtel“ in unseren Straßen russische Fahnen, feiern den Autokraten Putin und wähnen sich im „Widerstand“ gegen eine „Diktatur“. Es ist – mit Verlaub – zum Brechen!

    Insofern sehen wir die Berichterstattung einiger Medien sehr kritisch: Es ist immer noch verharmlosend von „Impfgegner:innen“ die Rede. Wie wir schon mehrfach gezeigt haben, ist die möglicherweise anstehende Impfpflicht nur der Vorwand für rechtsradikeles oder anderweitig demokratiefeindliches Treiben. Es ist somit nicht zielführend, Teilnehmenden in Interviews auch noch die Gelegenheit zu Aussagen über ihre „Sorgen und Nöte“ zu geben, während es ihnen eigentlich nur um ihren eigenen Vorteil geht. Das unterstützt den gewollt harmlos aussehenden „Protest gegen die Zwangsmaßnahmen“ auf fahrlässige Weise!

    Ein Wort zur Größe der „Schwurbeldemo“: Die Medien haben die Zahl der Polizei (3500 Teilnehmende) aufgegriffen – bei eigenen Zählungen kommen wir auf etwa 2200; das ist natürlich immer noch mehr, als die meisten erwartet hatten; rechnet man die Zahlen nun aber herunter auf das Ruhrgebiet, kommt man auf 40-70 Teilnehmende pro Stadt. Aus den Autokennzeichen rund um den Kirmesplatz wissen wir allerdings, dass die Mobilisierung auch Menschen außerhalb des Ruhrgebiets erreicht hat. Die wenigsten der Teilnehmenden kamen wohl aus Herne. Das zeigte sich dann auch beim nächsten „Montagsspaziergang“ durch die Herner Innenstadt – mit wieder einmal nur zehn Personen ganz sicher kein „Volksaufstand“.

    Abschließend möchten wir aber den wichtigsten Punkt nicht vergessen:

    Vielen, vielen Dank allen Menschen, die unserem Aufruf gefolgt waren, die am Friedensgebet, bei unserer zentralen Kundgebung Am Buschmannshof wie auch an den dezentralen Aktionspunkten an der Christuskirche und an der Flora-Marzina-Kreuzung (Schirme gegen Rechts) teilgenommen haben.

    Vielen Dank an alle, die den Aufruf geteilt und uns auch sonst auf verschiedenste Weise bei den Vorbereitung und der Durchführung unterstützt haben, v.a. die Partnerschaft für Demokratie Herne (PfD).

    Ein besonders dickes Dankeschön geht natürlich raus an die Redner:innen und Musiker:innen auf unserer Bühne: der Schorsch aus Bakau, die Glaubensgemeinschaften (die mit ihrem Statement nicht mehr zum Zug gekommen sind), die „Schirme gegen Rechts“, Stefan Marx (DGB), Knut Szmit (Witten) und Christoph Hövel (auch für seinen Beitrag zum Thema „Verschwörungsideologien“ war leider keine Zeit mehr). Die Beiträge, soweit sie uns zur Verfügung gestellt wurden, findet ihr hier auf unserer Web-Seite.

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    Statement zu montäglichen „Spaziergängen“ in Herne

    Am vergangenen Montagabend, 20.12.2021, traf sich zum wiederholten Male eine größere Personengruppe vor dem Herner Rathaus und zog nach kurzem Aufenthalt gemeinsam durch Herne-Mitte.

    Die Veranstaltung war in einem öffentlichen Telegram-Kanal mit über 10.000 Mitlesenden in einer Terminübersicht angekündigt worden. Im Netzwerk Telegram organisieren sich zunehmend
    Ablegergruppen der „Freien Sachsen“, die für teils gewalttätige Proteste im Osten der Republik verantwortlich sind. In überregionalen Gruppen ist die Rhetorik der Diskussionen um einiges schärfer, als man es von der Außendarstellung der samstäglichen Demonstrationen „gegen 2G auf Weihnachtsmärkten“ gewohnt ist. Ganz offen liebäugeln Mitglieder mit Umsturzphantasien und verbreiten verschwörungsideologische Desinformation über die Pandemie, Impfungen und verwandte Inhalte.

    Wir als Bündnis Herne haben uns vor Ort ein Bild von der Gruppe gemacht. Wir versammelten uns am 20.12.2021 ab 17:45 Uhr mit wenigen Personen zu einer angemeldeten Mahnwache unter dem Motto „Für lebendige Erinnerungskultur“ auf dem Friedrich-Ebert-Platz. Parallel positionierten sich dort zunehmend mehr Kleingruppen von Maßnahmengegner:innen, von denen sich einige zu größeren Gruppen zusammenschlossen.

    Zunächst waren keine Polizeikräfte vor Ort; auf unsere Bitte in der benachbarten Wache hin erhielten wir für unsere Veranstaltung polizeiliche Begleitung. Wir beobachteten, wie die vier Beamten versuchten, Kontakt zu den Maßnahmengegner*innen aufzunehmen. Die Zusicherung, man würde sich lediglich zum Spazierengehen treffen, genügte den Beamten aber offenbar und die Versammlung wurde nicht als solche eingestuft, es wurde nicht auf einer Anmeldung bestanden.

    Zwar wertschätzen wir das klare Auftreten der Polizei am vergangenen Samstag – auch als einige Gruppen nach Abschluss der Impfskepsis-Demo provokativ in Richtung des am Europaplatz stattfindenden Friedensgebetes zogen und von Polizeikräften gestoppt wurden – und wir erkennen an, dass die Belegschaft einer kleinen Dienststelle wie Herne vermutlich nur schwerlich ohne Vorbereitungszeit eine Gruppe von ungefähr 50 Personen ohne den Einsatz massiver Mittel würde stoppen können. In Bezug auf die Lageeinschätzung am Montag und auch in Bezug auf die generelle Einordnung des Demonstrationsgeschehens rund um die pandemische Lage schätzen wir jedoch einige Dinge anders ein als die Ordnungsbehörden es am vergangenen Montag getan haben:

    Die Taktik, durch den Anschein eines Spaziergangs die Auflagen im Sinne des Versammlungsrechts und die Corona-Schutzverordnung zu umgehen, sollte inzwischen allen Interessierten hinlänglich bekannt sein. Dies wird schließlich in der bundesweiten Presseberichterstattung seit Wochen thematisiert. Für die “Spaziergänger:innen“ ist diese halb-subversive Aktionsform förderlich für ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und ist Anknüpfungspunkt für die eigene Wahrnehmung. Man setzt sich in eine historische Kontinuitätslinie mit der DDR-Bürgerrechtsbewegung, geriert sich als widerständig gegen eine komplex gewordene Welt, inszeniert sich im schlimmsten Fall als neue Opfergruppe einer neuen Diktatur und kommuniziert Aufforderungen an die Polizei, doch auf die „richtige Seite“ zu wechseln.

    Auch wenn es sich bei den Herner „Spaziergänger:innen“ bisher nur vereinzelt um Personen aus dem rechtsradikalen Spektrum handelt, konnte man jüngst in Bochum beobachten, welche Wohlfühlatmosphäre im Rahmen solcher Veranstaltungen für organisierte Rechtsextremist:innen geschaffen wird. (Vgl. Bericht des
    Antifa-Infoportals Bochum). Die Strategie des Gewährenlassens führt bei den Teilnehmenden zu einem Gefühl gesellschaftlicher Wirksamkeit und läuft von Sachsen über Bochum bis Herne auf die fortschreitende Radikalisierung der Szene hinaus. Dieser Entwicklung muss Einhalt geboten werden – insbesondere, da sich ein Großteil der Radikalisierung Einzelner in der vermeintlich verborgenen Sphäre des Internets abspielt. Wie man konsequent agiert, hat am Wochenende die Polizei in Dortmund gezeigt: Hier wurde eine ebenfalls angekündigte und ebenfalls unangemeldete Versammlung der Szene aufgelöst, die Personalien von 23 Personen wurden festgestellt, zudem wurden
    Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz erstattet.

    Die aktuellen Demonstrationen im Kontext von Corona im gesamten Bundesgebiet müssen sicher differenziert betrachtet werden. In der Gesamtschau muss aber klar sein, dass die aktuelle Lage eine Gefahr für das demokratische Miteinander und für das Vertrauen in staatliche Institutionen darstellt. Nur weil eine Minderheit geltend machen will, dass ihre eigene Abspaltung von unvergleichlich breiten Mehrheitsmeinungen (wie dem Schutz des Lebens von vulnerablen Gruppen z.B. in Form von Kontaktbeschränkungen oder der medizinischen Überwindung der pandemischen Situation durch Impfungen), einer Spaltung der gesamten Gesellschaft gleichkäme, werden gerade im gesamten Land Personen bedroht, Pressearbeit behindert, gewalttätige Übergriffe verübt und durch das Nichtbeachten von Schutzmaßnahmen Leben gefährdet. Das darf weder die mehrheitliche Zivilgesellschaft noch der Staat passiv geschehen lassen.

    Wir erwarten daher angesichts der bundesweiten gesellschaftspolitischen Lage eine größere Sensibilität und eine klare Linie gegenüber nicht-angemeldeten „Spaziergängen“ aus dem Spektrum der Maßnahmengegner:innen!

    Bündnis Herne

    Herne, 22.12.2021

  • SharePic Bündnis Herne "Stellungnahme"

    Stellungnahme zu den Demonstrationen an den vergangenen Samstagen in der Herner Innenstadt.

    Eine Einordnung

    Seit dem 27. November 2021 ist Herne um einen politischen Akteur reicher. Bereits drei Mal demonstrierte eine bunt gemischte Gruppe von etwa 60 Personen samstags vormittags in der Bahnhofsstraße „für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft“, für „leuchtende Kinderaugen, statt tränender“ und „gegen 2G auf Weihnachtsmärkten“. Im Aufruf, im Auftreten und der Kommunikation betont man Friedfertigkeit und Akzeptanz unterschiedlicher Anschauungen und proklamiert, mit Solidarität einer empfundenen Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken zu wollen. In der folgenden Einordnung wollen wir den Motiven der Gruppierung nachspüren und deutlich machen, weswegen wir als Bündnis Herne mit einem großen Maß an Skepsis auf diese neue Formierung blicken.

    Die heterogene, bisher namenlose Gruppierung versteht sich selbst als vollkommen unpolitisch und begeht in dieser Selbsteinschätzung ihren Kardinalfehler. Wer das Grundrecht der Versammlungsfreiheit nutzt, um ein gemeinsames Anliegen in der Öffentlichkeit zu vertreten, betritt ohne jeden Zweifel den politischen Raum. Demonstrationen sind politisch und so sind es auch die Anliegen, die vertreten werden.

    Offenkundig speist sich das Mobilisierungspotential des neuen Zusammenschlusses nicht aus einer einheitlichen politischen Agenda, sondern es herrscht mehrheitlich eine reale, lebensweltliche Frustration über inzwischen fast zwei Jahre pandemischen Ausnahmezustandes, der nur hin und wieder von Phasen der Entspannung unterbrochen wurde. Diese Frustration ist menschlich komplett nachvollziehbar. Natürlich gibt es eine Reihe von Gründen, wegen derer wir alle (nicht nur als Gesellschaft in der Bundesrepublik, sondern als gesamte Menschheit) ausgelaugt und frustriert sind. Eine Reihe dieser Gründe wirft existenzielle Fragen auf; sei es die konkrete gesundheitliche Gefährdung durch das Virus, sei es ökonomische Bedrängnis oder die Gefährdung der eigenen seelischen Gesundheit oder der von Freund:innen und Angehörigen, nicht zuletzt der von Kindern und Jugendlichen. Manche sind vielleicht auch nur enttäuscht vom bisweilen etwas hemdsärmelig wirkenden Agieren der Politik. Auch das ist nachvollziehbar, denn während der vergangenen Monate gab es viel Hin und Her, es wurden Fehler gemacht, leichtfertig falsche Versprechen gegeben und dadurch viel Vertrauen verspielt und Verunsicherung geschürt.

    Wir haben daher zunächst einmal Verständnis für Unzufriedenheit, aber auch einige Kritikpunkte an den samstäglichen Zusammenkünften, die wir als antifaschistische Stimme der Herner Zivilgesellschaft gerne benennen möchten.

    Erstens muss jede Gruppierung, die zu Demonstrationen für oder gegen etwas aufruft, sich überlegen, wen sie an ihrer Seite haben möchte. Sicher kann man für bestimmte höhere Zwecke auch politische Gräben überwinden – so möchte das Bündnis Herne ja ebenfalls von konservativ bis links alle Demokrat:innen ansprechen, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen – aber man muss mit Kritik rechnen, wenn man keine Grenze zieht. An den Demonstrationen der vergangenen zwei Wochen haben mehrere Rechtsextreme teilgenommen, die bereits von den Aufmärschen der Mischszene rund um „Stark für Herne“ 2019 und 2020 bekannt sind. Vertreten war außerdem Guido Grützmacher von der AfD, der sich rege an den strategischen Besprechungen beteiligte, die nach dem Ende der Demo am 11.12. auf dem Europaplatz abgehalten wurden.
    Mindestens einer der Rechtsextremen aus dem Umfeld von „Stark für Herne“ fantasiert in sozialen Netzwerken auch bereits von Zuständen, wie wir sie teilweise aus dem Osten der Republik kennen, wo Pressevertreter:innen und andere kritische Stimmen teils gewalttätig angegangen werden. Wer neben einem Faschisten auf der Straße steht und gemeinsam mit ihm „Freiheit“ fordert, sollte sich fragen, ob man auch die gleiche Freiheit meint. Wir bezweifeln, dass der Großteil der Demonstrierenden gemeinsame Sache mit Rechten machen möchte. Die Organisationsstruktur der Demonstration muss sich deshalb überlegen, ob man weiterhin mit diesen Leuten paktieren möchte. Wer an der Seite von Nazis demonstriert, begibt sich außerhalb des demokratischen Wettstreites um das bessere Argument.

    Zweitens muss jede Gruppierung, die sich in die öffentliche Debatte um große Begriffe wie Freiheit, Selbstbestimmung und Solidarität einbringen möchte, auch ein Verständnis von diesen Begriffen entwickeln und kommunizieren. So ist zu fragen, wessen Freiheit eigentlich gerade durch was eingeschränkt wird und wie diese Freiheit jeweils beschaffen ist. Wir als Bündnis Herne sehen es als Hauptaufgabe einer solidarischen Gesellschaft an, ihre verletzlichsten Mitglieder zu schützen. Die Impfung gegen Covid-19 ist praktizierte Solidarität. Wir alle wollen zurück zu einer möglichst großen Unbeschwertheit, wir wollen Veranstaltungen besuchen können und Freund:innen umarmen, wir alle träumen von Freiheit. Doch wir sehen auch, dass die Freiheit Einzelner dort enden muss, wo die Freiheit Anderer anfängt und bedroht wird. Wenn ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankung deshalb nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, weil eine Minderheit zu hohen Inzidenzen und zur Überlastung des Gesundheitssystems beiträgt, ist dieser Punkt erreicht. Es ist daher richtig, politischen und gesellschaftlichen Druck auf diejenigen aufzubauen, die bisher nicht zu dem Entschluss gelangen konnten, sich impfen zu lassen. Richtig ist auch, dass Selbstbestimmung – vor allem der Schutz des Körpers vor staatlichem Zugriff – ein hohes Verfassungsgut ist, doch Recht bedeutet immer Rechtsgüterabwägung. Was wiegt also schwerer: Ein überlastetes Gesundheitssystem, Tote durch Covid-19 und Tote durch de-facto-Triage, weil zahlreiche wichtige Operationen verschoben werden müssen oder ein intramuskulärer Piks in den Oberarm? Wie alle anderen Medizinprodukte können auch bei den Covid Vakzinen extrem seltene unerwünschte Nebenwirkungen auftreten, allerdings wurde kaum jemals ein Medikament derart intensiv geprüft und vor allem in diesem Volumen angewendet. Der Nutzen der Impfung überwiegt das Restrisiko bei weitem, insbesondere, wenn man bedenkt, dass alle ungeimpften Menschen eher früher als später mit einer Covid-Erkrankung konfrontiert sein werden. Ängste, die trotz dieser absolut klaren Faktenlage weiterbestehen, sind entweder pathologisch und als solche mit Sensibilität adressierbar oder sie sind das Ergebnis von Desinformation, der wiederum mit Aufklärung begegnet werden muss. Wer Ängste in diese Richtung haben sollte, ist gut beraten, sie offen
    mit der eigenen Hausärzt:in zu bereden und sich nochmals die Faktenlage darlegen zu lassen.

    Wir ermuntern alle Demokrat:innen, sich weiterhin kritisch mit politischen Entscheidungen auseinanderzusetzen, denn Kritik und der Streit zwischen unterschiedlichen Positionen sind die Basis unserer Demokratie. Wir rufen dazu auf, sich nicht mit Nazis und anderen Rechten gemein zu machen und ihre verschwörungsideologischen Erzählungen nicht mitzutragen. Wir fordern von den Organisator:innen der Demonstrationen „Gegen die Spaltung der Gesellschaft“ eine unmissverständliche Distanzierung von rechten Personen und Narrativen. Sollte der Orga-Kreis dazu nicht Willens oder fähig sein, fordern wir alle Demokrat:innen auf, der Veranstaltung fernzubleiben.

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