Kategorie: Stellungnahmen

  • Zwei Vertreterinnen des Bündnis Herne im Gesppräch

    Zusammenfassung Mitmachaktion

    Ich finde es ganz wunderbar, dass sich heute wieder so viele Menschen versammeln, um das solidarische Herne zu zeigen.

    Wir alle erleben diese Pandemie anders, befinden uns in verschiedenen Situationen, haben unterschiedliche Ängste – und dennoch ist es für alle hier klar: sich abseits des  demokratischen Miteinanders zu bewegen, wird nicht die Lösung bringen!

    Oft habe ich deswegen von außen Bezeichnungen wie „pro-Corona“ oder „Corona-Jünger“ gehört. Deswegen haben wir die Mitmach-Aktion in den letzten Wochen gestartet. Denn auch wenn uns öfter mal die kritische Stimme in Bezug auf die aktuelle Situation abgesprochen wird: wir sind kritisch, wir haben Zweifel, wir haben Ängste! Und darüber zu sprechen, soll uns auch nochmal in neuer Weise daran erinnern, wieso wir heute und an allen anderen Tagen, seien es Samstage oder Montage, hier stehen. Denn gerade in den Lockdowns ging es oft darum, worum es auch in Zukunft wieder mehr gehen sollte – auch nach der Pandemie.

    Viele von Ihnen und Euch haben gesagt, dass die Familien näher zusammengerückt sind, Nachbarschaften gestärkt wurden und sogar „alte“ Freundschaften wieder belebt werden  konnten. Viele von uns haben auch alte und neue Hobbies für sich entdecken können: Zumba-Kurse über Zoom mit unserer tollen Jessi, Haldentouren, Industriekultur, Fotografie –so haben sich einige neu in das schöne Ruhrgebiet verliebt, wir haben entschleunigt, entspannt, zu uns gefunden, besser gekocht und haben endlich mal ausgerümpelt. Und auch die Haustiere haben sich über die viele Zeit mit Herrchen und Frauchen gefreut. Einige konnten sich sogar beruflich weiterentwickeln und Positives aus Videokonferenzen ziehen, so funktionieren Kurse zur Babymassage wohl online besser als in Präsenz.

    Und dennoch: Was für viele folgte, war Isolation. Ohne Kontakt zu Freund:innen, Kolleg:innen, Komilliton:innen im Studium oder Mitschüler:innen in der Schule sind viele von uns auf sich allein gestellt gewesen. Mit dem vielen Hin und Her der Maßnahmen und Regelungen stieg die Überforderung und Nerven lagen und liegen immer noch blank. Widersprüchliche Maßnahmen strapazieren immer noch unser aller Nerven.

    Doch am allergrößten und auch von Ihnen und euch am häufigsten genannt, ist die Angst vor Covid-19. Die Angst zu erkranken, die Angst, dass Angehörige erkranken oder man sogar  liebe Menschen anstecken könnte sowie die Angst vor Long-Covid. Und auch ohne Corona, ist doch immer die Angst davor präsent, nicht die richtigen Behandlungen oder Operationen zu erhalten im Falle von anderen Erkrankungen. Und ja: von denjenigen, die heute hier sind, gibt es auch Betroffene, deren Freunde an Corona verstorben sind. Ich kann mir nicht ausmalen, wie schwierig es sein muss, sich in dieser Situation die Parolen von Leugner:innen anhören zu müssen.

    Wie ich schon sagte, wir alle erlebten diese Zeit anders und tun dies noch immer. Und  trotzdem gehen wir gemeinsam durch diese Pandemie. Lasst uns daran festhalten und es beibehalten. Auch für die Tage, an denen Corona irgendwann hoffentlich Geschichte sein wird.

  • SharePic Bündnis Herne "Stellungnahme"

    Statement zu montäglichen „Spaziergängen“ in Herne

    Am vergangenen Montagabend, 20.12.2021, traf sich zum wiederholten Male eine größere Personengruppe vor dem Herner Rathaus und zog nach kurzem Aufenthalt gemeinsam durch Herne-Mitte.

    Die Veranstaltung war in einem öffentlichen Telegram-Kanal mit über 10.000 Mitlesenden in einer Terminübersicht angekündigt worden. Im Netzwerk Telegram organisieren sich zunehmend
    Ablegergruppen der „Freien Sachsen“, die für teils gewalttätige Proteste im Osten der Republik verantwortlich sind. In überregionalen Gruppen ist die Rhetorik der Diskussionen um einiges schärfer, als man es von der Außendarstellung der samstäglichen Demonstrationen „gegen 2G auf Weihnachtsmärkten“ gewohnt ist. Ganz offen liebäugeln Mitglieder mit Umsturzphantasien und verbreiten verschwörungsideologische Desinformation über die Pandemie, Impfungen und verwandte Inhalte.

    Wir als Bündnis Herne haben uns vor Ort ein Bild von der Gruppe gemacht. Wir versammelten uns am 20.12.2021 ab 17:45 Uhr mit wenigen Personen zu einer angemeldeten Mahnwache unter dem Motto „Für lebendige Erinnerungskultur“ auf dem Friedrich-Ebert-Platz. Parallel positionierten sich dort zunehmend mehr Kleingruppen von Maßnahmengegner:innen, von denen sich einige zu größeren Gruppen zusammenschlossen.

    Zunächst waren keine Polizeikräfte vor Ort; auf unsere Bitte in der benachbarten Wache hin erhielten wir für unsere Veranstaltung polizeiliche Begleitung. Wir beobachteten, wie die vier Beamten versuchten, Kontakt zu den Maßnahmengegner*innen aufzunehmen. Die Zusicherung, man würde sich lediglich zum Spazierengehen treffen, genügte den Beamten aber offenbar und die Versammlung wurde nicht als solche eingestuft, es wurde nicht auf einer Anmeldung bestanden.

    Zwar wertschätzen wir das klare Auftreten der Polizei am vergangenen Samstag – auch als einige Gruppen nach Abschluss der Impfskepsis-Demo provokativ in Richtung des am Europaplatz stattfindenden Friedensgebetes zogen und von Polizeikräften gestoppt wurden – und wir erkennen an, dass die Belegschaft einer kleinen Dienststelle wie Herne vermutlich nur schwerlich ohne Vorbereitungszeit eine Gruppe von ungefähr 50 Personen ohne den Einsatz massiver Mittel würde stoppen können. In Bezug auf die Lageeinschätzung am Montag und auch in Bezug auf die generelle Einordnung des Demonstrationsgeschehens rund um die pandemische Lage schätzen wir jedoch einige Dinge anders ein als die Ordnungsbehörden es am vergangenen Montag getan haben:

    Die Taktik, durch den Anschein eines Spaziergangs die Auflagen im Sinne des Versammlungsrechts und die Corona-Schutzverordnung zu umgehen, sollte inzwischen allen Interessierten hinlänglich bekannt sein. Dies wird schließlich in der bundesweiten Presseberichterstattung seit Wochen thematisiert. Für die “Spaziergänger:innen“ ist diese halb-subversive Aktionsform förderlich für ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und ist Anknüpfungspunkt für die eigene Wahrnehmung. Man setzt sich in eine historische Kontinuitätslinie mit der DDR-Bürgerrechtsbewegung, geriert sich als widerständig gegen eine komplex gewordene Welt, inszeniert sich im schlimmsten Fall als neue Opfergruppe einer neuen Diktatur und kommuniziert Aufforderungen an die Polizei, doch auf die „richtige Seite“ zu wechseln.

    Auch wenn es sich bei den Herner „Spaziergänger:innen“ bisher nur vereinzelt um Personen aus dem rechtsradikalen Spektrum handelt, konnte man jüngst in Bochum beobachten, welche Wohlfühlatmosphäre im Rahmen solcher Veranstaltungen für organisierte Rechtsextremist:innen geschaffen wird. (Vgl. Bericht des
    Antifa-Infoportals Bochum). Die Strategie des Gewährenlassens führt bei den Teilnehmenden zu einem Gefühl gesellschaftlicher Wirksamkeit und läuft von Sachsen über Bochum bis Herne auf die fortschreitende Radikalisierung der Szene hinaus. Dieser Entwicklung muss Einhalt geboten werden – insbesondere, da sich ein Großteil der Radikalisierung Einzelner in der vermeintlich verborgenen Sphäre des Internets abspielt. Wie man konsequent agiert, hat am Wochenende die Polizei in Dortmund gezeigt: Hier wurde eine ebenfalls angekündigte und ebenfalls unangemeldete Versammlung der Szene aufgelöst, die Personalien von 23 Personen wurden festgestellt, zudem wurden
    Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz erstattet.

    Die aktuellen Demonstrationen im Kontext von Corona im gesamten Bundesgebiet müssen sicher differenziert betrachtet werden. In der Gesamtschau muss aber klar sein, dass die aktuelle Lage eine Gefahr für das demokratische Miteinander und für das Vertrauen in staatliche Institutionen darstellt. Nur weil eine Minderheit geltend machen will, dass ihre eigene Abspaltung von unvergleichlich breiten Mehrheitsmeinungen (wie dem Schutz des Lebens von vulnerablen Gruppen z.B. in Form von Kontaktbeschränkungen oder der medizinischen Überwindung der pandemischen Situation durch Impfungen), einer Spaltung der gesamten Gesellschaft gleichkäme, werden gerade im gesamten Land Personen bedroht, Pressearbeit behindert, gewalttätige Übergriffe verübt und durch das Nichtbeachten von Schutzmaßnahmen Leben gefährdet. Das darf weder die mehrheitliche Zivilgesellschaft noch der Staat passiv geschehen lassen.

    Wir erwarten daher angesichts der bundesweiten gesellschaftspolitischen Lage eine größere Sensibilität und eine klare Linie gegenüber nicht-angemeldeten „Spaziergängen“ aus dem Spektrum der Maßnahmengegner:innen!

    Bündnis Herne

    Herne, 22.12.2021

  • SharePic Bündnis Herne "Stellungnahme"

    Stellungnahme zu den Demonstrationen an den vergangenen Samstagen in der Herner Innenstadt.

    Eine Einordnung

    Seit dem 27. November 2021 ist Herne um einen politischen Akteur reicher. Bereits drei Mal demonstrierte eine bunt gemischte Gruppe von etwa 60 Personen samstags vormittags in der Bahnhofsstraße „für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft“, für „leuchtende Kinderaugen, statt tränender“ und „gegen 2G auf Weihnachtsmärkten“. Im Aufruf, im Auftreten und der Kommunikation betont man Friedfertigkeit und Akzeptanz unterschiedlicher Anschauungen und proklamiert, mit Solidarität einer empfundenen Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken zu wollen. In der folgenden Einordnung wollen wir den Motiven der Gruppierung nachspüren und deutlich machen, weswegen wir als Bündnis Herne mit einem großen Maß an Skepsis auf diese neue Formierung blicken.

    Die heterogene, bisher namenlose Gruppierung versteht sich selbst als vollkommen unpolitisch und begeht in dieser Selbsteinschätzung ihren Kardinalfehler. Wer das Grundrecht der Versammlungsfreiheit nutzt, um ein gemeinsames Anliegen in der Öffentlichkeit zu vertreten, betritt ohne jeden Zweifel den politischen Raum. Demonstrationen sind politisch und so sind es auch die Anliegen, die vertreten werden.

    Offenkundig speist sich das Mobilisierungspotential des neuen Zusammenschlusses nicht aus einer einheitlichen politischen Agenda, sondern es herrscht mehrheitlich eine reale, lebensweltliche Frustration über inzwischen fast zwei Jahre pandemischen Ausnahmezustandes, der nur hin und wieder von Phasen der Entspannung unterbrochen wurde. Diese Frustration ist menschlich komplett nachvollziehbar. Natürlich gibt es eine Reihe von Gründen, wegen derer wir alle (nicht nur als Gesellschaft in der Bundesrepublik, sondern als gesamte Menschheit) ausgelaugt und frustriert sind. Eine Reihe dieser Gründe wirft existenzielle Fragen auf; sei es die konkrete gesundheitliche Gefährdung durch das Virus, sei es ökonomische Bedrängnis oder die Gefährdung der eigenen seelischen Gesundheit oder der von Freund:innen und Angehörigen, nicht zuletzt der von Kindern und Jugendlichen. Manche sind vielleicht auch nur enttäuscht vom bisweilen etwas hemdsärmelig wirkenden Agieren der Politik. Auch das ist nachvollziehbar, denn während der vergangenen Monate gab es viel Hin und Her, es wurden Fehler gemacht, leichtfertig falsche Versprechen gegeben und dadurch viel Vertrauen verspielt und Verunsicherung geschürt.

    Wir haben daher zunächst einmal Verständnis für Unzufriedenheit, aber auch einige Kritikpunkte an den samstäglichen Zusammenkünften, die wir als antifaschistische Stimme der Herner Zivilgesellschaft gerne benennen möchten.

    Erstens muss jede Gruppierung, die zu Demonstrationen für oder gegen etwas aufruft, sich überlegen, wen sie an ihrer Seite haben möchte. Sicher kann man für bestimmte höhere Zwecke auch politische Gräben überwinden – so möchte das Bündnis Herne ja ebenfalls von konservativ bis links alle Demokrat:innen ansprechen, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen – aber man muss mit Kritik rechnen, wenn man keine Grenze zieht. An den Demonstrationen der vergangenen zwei Wochen haben mehrere Rechtsextreme teilgenommen, die bereits von den Aufmärschen der Mischszene rund um „Stark für Herne“ 2019 und 2020 bekannt sind. Vertreten war außerdem Guido Grützmacher von der AfD, der sich rege an den strategischen Besprechungen beteiligte, die nach dem Ende der Demo am 11.12. auf dem Europaplatz abgehalten wurden.
    Mindestens einer der Rechtsextremen aus dem Umfeld von „Stark für Herne“ fantasiert in sozialen Netzwerken auch bereits von Zuständen, wie wir sie teilweise aus dem Osten der Republik kennen, wo Pressevertreter:innen und andere kritische Stimmen teils gewalttätig angegangen werden. Wer neben einem Faschisten auf der Straße steht und gemeinsam mit ihm „Freiheit“ fordert, sollte sich fragen, ob man auch die gleiche Freiheit meint. Wir bezweifeln, dass der Großteil der Demonstrierenden gemeinsame Sache mit Rechten machen möchte. Die Organisationsstruktur der Demonstration muss sich deshalb überlegen, ob man weiterhin mit diesen Leuten paktieren möchte. Wer an der Seite von Nazis demonstriert, begibt sich außerhalb des demokratischen Wettstreites um das bessere Argument.

    Zweitens muss jede Gruppierung, die sich in die öffentliche Debatte um große Begriffe wie Freiheit, Selbstbestimmung und Solidarität einbringen möchte, auch ein Verständnis von diesen Begriffen entwickeln und kommunizieren. So ist zu fragen, wessen Freiheit eigentlich gerade durch was eingeschränkt wird und wie diese Freiheit jeweils beschaffen ist. Wir als Bündnis Herne sehen es als Hauptaufgabe einer solidarischen Gesellschaft an, ihre verletzlichsten Mitglieder zu schützen. Die Impfung gegen Covid-19 ist praktizierte Solidarität. Wir alle wollen zurück zu einer möglichst großen Unbeschwertheit, wir wollen Veranstaltungen besuchen können und Freund:innen umarmen, wir alle träumen von Freiheit. Doch wir sehen auch, dass die Freiheit Einzelner dort enden muss, wo die Freiheit Anderer anfängt und bedroht wird. Wenn ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankung deshalb nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, weil eine Minderheit zu hohen Inzidenzen und zur Überlastung des Gesundheitssystems beiträgt, ist dieser Punkt erreicht. Es ist daher richtig, politischen und gesellschaftlichen Druck auf diejenigen aufzubauen, die bisher nicht zu dem Entschluss gelangen konnten, sich impfen zu lassen. Richtig ist auch, dass Selbstbestimmung – vor allem der Schutz des Körpers vor staatlichem Zugriff – ein hohes Verfassungsgut ist, doch Recht bedeutet immer Rechtsgüterabwägung. Was wiegt also schwerer: Ein überlastetes Gesundheitssystem, Tote durch Covid-19 und Tote durch de-facto-Triage, weil zahlreiche wichtige Operationen verschoben werden müssen oder ein intramuskulärer Piks in den Oberarm? Wie alle anderen Medizinprodukte können auch bei den Covid Vakzinen extrem seltene unerwünschte Nebenwirkungen auftreten, allerdings wurde kaum jemals ein Medikament derart intensiv geprüft und vor allem in diesem Volumen angewendet. Der Nutzen der Impfung überwiegt das Restrisiko bei weitem, insbesondere, wenn man bedenkt, dass alle ungeimpften Menschen eher früher als später mit einer Covid-Erkrankung konfrontiert sein werden. Ängste, die trotz dieser absolut klaren Faktenlage weiterbestehen, sind entweder pathologisch und als solche mit Sensibilität adressierbar oder sie sind das Ergebnis von Desinformation, der wiederum mit Aufklärung begegnet werden muss. Wer Ängste in diese Richtung haben sollte, ist gut beraten, sie offen
    mit der eigenen Hausärzt:in zu bereden und sich nochmals die Faktenlage darlegen zu lassen.

    Wir ermuntern alle Demokrat:innen, sich weiterhin kritisch mit politischen Entscheidungen auseinanderzusetzen, denn Kritik und der Streit zwischen unterschiedlichen Positionen sind die Basis unserer Demokratie. Wir rufen dazu auf, sich nicht mit Nazis und anderen Rechten gemein zu machen und ihre verschwörungsideologischen Erzählungen nicht mitzutragen. Wir fordern von den Organisator:innen der Demonstrationen „Gegen die Spaltung der Gesellschaft“ eine unmissverständliche Distanzierung von rechten Personen und Narrativen. Sollte der Orga-Kreis dazu nicht Willens oder fähig sein, fordern wir alle Demokrat:innen auf, der Veranstaltung fernzubleiben.

  • Foto von Teilnehmenden der Veranstaltung "Bass gegen Hass"

    Bündnis Herne unterstützt die Forderung des KAZ

    Das Kulturell-Alternative-Zentrum Herne (KAZ) ist seit der Geburtsstunde des Bündnis Herne an unserer Seite, tatkräftig und beherzt im Kampf gegen Rassismus.

    Deshalb ist es unser großes Anliegen, jetzt auch unterstützend an seiner Seite zu sein. Das KAZ ist aus der Herner Kulturszene nicht mehr wegzudenken, es bereichert sie.

    Hier ist vor allen Dingen das jährliche KAZ Open-Air-Festival und das vielfältige Engagement gegen Rassismus und Ausgrenzung jeglicher Art zu nennen.

    Kultur braucht Raum, in diesem Falle im wahrsten Sinne des Wortes: Das KAZ als Teil der alternativen Kultur- und Kunstszene braucht eine feste Räumlichkeit, um ein vielfältiges und offenes Herne zu stärken, weitere großartige Veranstaltungen zu planen, zu koordinieren und als Anlaufstelle zu dienen.

  • Moderatorin des Workshops "Quo vadis Bündnis Herne?"

    Rückblick „Quo vadis, Bündnis Herne?“

    Für Samstag, 13.11.2021, hatte das Bündnis Herne zu einem Strategie- und Planungsworkshop eingeladen. Unter dem Motto „Quo vadis, Bündnis Herne?“ trafen sich knapp 25 hochmotivierte, diskutierfreudige Interessierte für einen mehrstündigen Meinungsaustausch im Bürgersaal Sud- und Treberhaus Eickel.

    Einmal mehr hat sich an diesem Tag gezeigt, wie breit das Meinungsspektrum innerhalb des Bündnis Herne ist. Trotz z.T. kontroverser Ansichten waren die Diskussionen von einem sehr respektvollen Umgang miteinander geprägt.

    Allerdings war der Diskussionsbedarf so groß, dass uns leider nicht genug Zeit blieb, um zu eindeutigen Ergebnissen zu kommen; dies betrifft insbesondere die Punkte „zukünftige Ausrichtung“ und „Vereinsgründung“, auch die Jahresplanung 2022 konnte nur noch kurz angerissen werden. Damit hatten wir aber fast ein wenig gerechnet.

    Dennoch werten wir den Workshop als Erfolg:

    Auch wenn wir noch keine abschließenden Ergebnisse erreicht haben, haben wir viel Input zu diesem Thema bekommen, mit dem wir nun weiterarbeiten können.

    Mit diesen „Hausaufgaben“ wird sich das Orgateam des Bündnis Herne also in der nächsten Zeit intensiv beschäftigen.

    Wir blicken zurück auf einen schönen und intensiven Austausch – vielen Dank an alle Teilnehmenden für Feedback, gute Ideen, respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander!

    Ein herzlicher Dank geht zudem an:

    • Jonas Flick von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR Arnsberg), der uns professionell durch den Workshop begleitet hat.
    • die Partnerschaft für Demokratie Herne (PfD), die uns über die Fördermöglichkeiten des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ geholfen hat, den Workshop durchzuführen.
    • den Herner Partyservice Heermann, dank dessen großzügiger Spende wir so ausgesprochen lecker und reichhaltig verpflegt wurden.
    • alle diejenigen, die aktiv an der Vorbereitung und Durchführung des Workshops beteiligt waren!

    Wir freuen uns auf ein nächstes Mal!

  • SharePic zur Aktion "Bundestag NAZIFREI"

    Unser Wunsch zum zweiten Geburtstag: Bundestag nazifrei!

    Das Bündnis Herne hat Geburtstag!

    Heute auf den Tag genau vor zwei Jahren fand unsere allererste Veranstaltung statt.

    Anlass für die Gründung des Bündnis Herne waren die Aufmärsche rechtsradikaler und neonazistischer Gruppierungen ab August 2019.

    Noch vor der Pandemie wurden diese Aufmärsche aufgegeben – die Menschen dahinter sind aber nicht weg: Sie tauchen bei Demonstrationen vom „III. Weg“ in Berlin und bei Querdenkendemos in Bochum auf, sie sind im Umfeld von „Eltern stehen auf“ zu finden und hetzen in Onlinediskussionen beispielsweise gegen Geflüchtete und gegen „das bunte Herne“.

    Die Veranstalter und Teilnehmenden der Autokorsos im Frühjahr haben mit ihnen gemeinsam, dass sie den Rechtsstaat infrage stellen und die Gesellschaft zu spalten versuchen. Sie klammern sich an ihrer vermeintlich heilen und vor allem überschaubaren kleinen Welt fest und verweigern sich der Erkenntnis, dass Leben immer auch Veränderung bedeutet.

    Sie sind unfähig, sich in einer modernen, offenen Gesellschaft, wie wir sie auch hier in Herne anstreben, zu integrieren.

    Der Wunsch nach weniger Komplexität, nach einfachen Erklärungen und noch einfacheren Lösungen ist nachvollziehbar, aber unrealistisch. Für komplexe Sachverhalte gibt es nun einmal keine schlichten Lösungen.

    Die AfD trägt diese Unfähigkeit, Teil einer modernen, offenen Gesellschaft zu sein, in die Parlamente. Mit populistisch-plakativem Auftreten verspricht sie unrealistisch einfache Lösungen, die auf Abschottung und „zurück zum Vorgestern“ abzielen, auch hier in Herne.

    Dies wurde kürzlich sehr deutlich, als alle im Rat der Stadt vertretenen demokratischen Parteien gemeinsam beschlossen, Herne zum „Sicheren Hafen“ zu erklären. Die AfD (also das, was hier noch von ihr übrig ist) reagierte ausgesprochen polemisch, gehässig, unsachlich und persönlich beleidigend.

    Die AfD mag hier in Herne gespalten und zerstritten sein –sie erscheint aber dennoch auf dem Stimmzettel für die Bundestagswahl am 26. September. Viele Menschen werden auch diesmal kein Problem damit haben, sie oder eine der anderen rassistischen oder ganz weit nach rechts offenen Parteien zu wählen: die NPD, die Querdenkerpartei „Die Basis“, den „III. Weg“.

    Wir sagen ganz klar:

    Wer Parteien wählt, die sich weder nach innen noch nach außen gegen Nazis abgrenzen, ist nicht zwingend selbst ein Nazi. Aber wer Parteien wählt, die mit Nazis gemeinsame Sache machen, gibt Nazis Macht und Einfluss! Wer Nazis wählt, findet sich deshalb zu Recht in genau dieser Ecke wieder.

    Wir unterstützen die Kampagne „Bundestag nazifrei“ des DGB und anderer Beteiligter. Weitere Initiativen und Vereine aus Herne sind herzlich eingeladen, sich dieser Kampagne anzuschließen.

    Gemeinsam mit dem DGB appellieren wir an die Herner Wahlberechtigten:

    Nehmt am 26. September an der Bundestagswahl teil! Wählt demokratische Parteien!

    Wenn ihr, aus welchen Gründen auch immer, mit den im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien nicht zufrieden seid: Die Auswahl ist groß genug. Es gibt wirklich keinen Grund, die Nazis zu wählen!

    Bitte tragt dazu bei, dem Bündnis Herne seinen größten Geburtstagswunsch zu erfüllen:

    Einen nazifreier Bundestag!

    Vielen Dank!

  • Logo des Bündnis Herne v1 rund mit weißen Hintergrund

    Querdenker-Bewegung in Herne

    Autokorso der Corona-Leugner

     Am Donnerstag, 25.03.2021, fand eine Versammlung der „Querdenken-Bewegung“ in Herne statt. Die Anmelder führten unter Berufung auf das Versammlungsrecht einen Autokorso mit 27 Pkws durch. Der Autokorso der Corona-Leugner führte weitestgehend durch den Stadtteil Wanne. Von den 27 teilnehmenden Pkws kamen nach Recherche des Bündnis Herne lediglich zwei Fahrzeuge aus Herne. Die anderen Teilnehmer reisten aus Städten im Kreis Recklinghausen, aus Hagen und dem Hochsauerlandkreis an.

    Das Bündnis Herne positionierte sich erneut lautstark, vielfältig und bunt gegen diese unverantwortliche Versammlung der Corona-Leugner. Das positive Fazit der Polizei und den Hinweis „dass es zu keinen Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung kam“, zitiert in der WAZ vom 26.03.2021, können wir ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.

    Wir haben den Eindruck, dass auch die Polizei Bochum und die Herner Ordnungsbehörde dem immer noch weit verbreiteten Irrtum unterliegen, es handele sich bei den „Querdenkern“ um ein „bürgerliches“ und somit „ungefährliches Protestspektrum“.

    Wer sich die lautstarke Beschallung aus den Fahrzeugen der Veranstalter angehört hat, erkennt diese Einschätzung leicht als Irrtum. In Dauerschleife wurden zahlreiche inakzeptable Diffamierungen und Unwahrheiten wiederholt. So wurde u. a. die Bundeskanzlerin verunglimpft mit den Worten „Merkel und ihre Komplizen sind korrupte […] Massenmörder“. Viele, die an den Protesten des Bündnisses Herne teilnahmen, waren entsetzt und irritiert, dass hier weder die Versammlungs- noch die anwesende Ordnungsbehörde eingeschritten ist.

    Lautstärke, Inhalt und die ausgesprochen unflätige und brutale Sprache waren geeignet, Passant*innen und Anwohner*innen, insbesondere aber Kinder, zu verängstigen und einzuschüchtern. Anders als bei einer räumlich begrenzten Kundgebung war es nicht möglich, sich dem durch Weggehen zu entziehen – zumal der Korso auch noch mitten durch Wohngebiete fuhr!

    Die Demonstrationsform „Autokorso“ wird von „Querdenken“ bewusst gewählt, um die Ordnungsbehörden durch massive Bindung der Ressourcen, Aufbau von Überstunden etc. zu schwächen. Umso unverständlicher ist es für uns, dass die Polizei mit der offenbar vorbehaltlosen Genehmigung des Autokorsos inklusive der gewünschten Route diesen Ambitionen der „Querdenker“ auch noch in die Karten gespielt hat!

    Wir fordern die Verantwortlichen in Politik und Behörden auf, die Herner Bevölkerung vor weiteren Veranstaltungen dieser Art zu schützen und der verschwörungsideologischen Szene ihre Selbstinszenierung mit rechtlichen Mitteln so schwer wie möglich zu machen.

    Wir fordern daher dazu auf, den „Querdenkern“ nicht ohne Not die für ihre Zwecke attraktivsten Routen zuzusichern. Wir fordern dazu auf, Beleidigungsdelikte, Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz und ähnliche Tatbestände konsequent zu ahnden und die Versammlung im Zweifelsfall aufzulösen.

    Außerdem fordern wir dazu auf, friedlichen, demokratischen Protest nicht durch das Streuen von Fehlinformationen zur Route zu erschweren.

    Das Bündnis Herne wird sich auf jeden Fall weiterhin gegen jegliche Art von Veranstaltungen stellen, bei denen „Querdenker“ & Co. ihre Lügen verbreiten. Wir werden diesem Treiben in Kürze etwas Positives entgegensetzen.

  • SharePic "Ihr seid doch Spinner"

    Impfgegner Autokorso

    Gestern Abend (17.03.2021) gab es einen „Ich lass mich nicht impfen“-Autokorso von Bochum nach Herne. Wir hatten entlang der Route von vor zwei Wochen an sieben Kreuzungen auf Herner Stadtgebiet coronagerechte kleine Kundgebungen angemeldet, um zu zeigen, was wir von diesem Treiben halten: Nichts!

    Wir sind begeistert über die Vielzahl von Menschen, die sich an diesen Standorten zu uns gesellt haben. Vielen Dank, dass ihr alle da wart!

    Letztlich gab es allerdings nichts zu sehen – außer alle sich gegenseitig, oft zum ersten Mal nach Wochen oder gar Monaten. Die Schwurbler sind nämlich eine andere Route gefahren als gedacht, mit Ziel „Kirmesplatz Crange“. Dort hatten die Schirme gegen Rechts  aber flugs eine Spontankundgebung angemeldet, so dass der Autokorso nicht mehr zur eigentlich geplanten Abschlusskundgebung auf den Kirmesplatz kam, sondern sich quasi im Vorbeifahren aufgelöst hat.

    Dieser Abend hat gezeigt, dass die „Aluhüte“ zumindest im Ruhrgebiet offenbar bereits auf dem absteigenden Ast sind: Ganze 8 (in Worten: ACHT) Pkw hatten sich zu dem Autokorso zusammengefunden, begleitet von unwesentlich mehr Polizei. An unseren Standorten haben sie sich offenbar gar nicht erst vorbeigetraut (angemeldet waren 150!).

    Die Herner Zivilgesellschaft hingegen hat sich einmal mehr als wehrhaft und mobilisierungsfähig erwiesen: An ursprünglich sieben Standorten haben jeweils etwa zehn bis 20 Personen Flagge gezeigt für ein solidarisches Miteinander. Und zum ungeplanten achten Standort – dem Cranger Kirmesplatz – haben sich superkurzfristig auch noch einmal etwa 25 Menschen auf den Weg gemacht.

    Wir waren präsent. Sie nicht.

    Unsere Stadt. Unsere Plätze. Unsere Kreuzungen.

    Und unsere Busse 😉

    Danke an alle, die da waren! 

    Ein besonderer Dank geht außerdem an Nadja Hermann, die uns die Verwendung eines ihrer
    Erzaehlmirnix-Cartoons als Plakatmotiv erlaubt hat!

    Für nächsten Donnerstag (25.03.2021) ist übrigens der „1. Auto-Korso Herne“ geplant – man darf gespannt sein 😉

  • Foto eines bemalten Herzen "Bündnis Herne"

    Jahresrückblick 2020 & Grußwort

    2020 ist fast vorbei – für vermutlich die meisten von uns war es auf die ein oder andere Weise ein wirklich anstrengendes Jahr.

    Auch aus Sicht des Bündnis Herne war 2020 eine große Herausforderung. Aber wir wollen nicht lamentieren, sondern darauf schauen, was wir unter den veränderten Bedingungen daraus machen konnten: Häufig sind wir in den virtuellen Raum umgezogen, z.B. mit dem Livestream am 9. Mai zusammen mit dem Archäologiemuseum („Tag der Befreiung“), mit unseren Beiträgen zum ersten Herner CSD im Juni sowie zur Reichspogromnacht im November, mit unserer allerersten Onlinetagung kurz vor Weihnachten, und dem 14-täglichen Livestream, mit dem wir seit einigen Wochen eine Möglichkeit zum Austausch zwischen euch und uns bieten. In coronagerechtem Rahmen konnten wir zudem einige wenige Vor-Ort-Veranstaltungen umsetzen: Die beiden symbolischen Liveproteste gegen die AfD-Kreisparteitage im Juni, unsere Geburtstagsfeier auf dem Friedrich-Ebert-Platz im August und die Moria-Stühle-Aktion im September.

    Nicht alles war virtuell lösbar: Für unsere Kreativaktion „Herzensangelegenheiten“ sind wir euch noch den krönenden Abschluss schuldig – sowohl für die Übergabe der Preise an die Gewinner*innen wie auch für die Abgabe der Herzen für einen guten Zweck finden wir im neuen Jahr eine Möglichkeit, ohne unnötige Risiken eingehen zu müssen. Die Vielfalt und Kreativität, die uns mit euren Rücksendungen erreicht haben, verbuchen wir definitiv unter „Schönes und Wertvolles in 2020“, weshalb wir euch zum Jahresabschluss gern eine Auswahl präsentieren!

    Wir wünschen euch und uns für 2021, dass es ein richtig gutes Jahr wird, in dem wir uns alle irgendwann live und v.a. unbeschwert wiedersehen!

  • Künstlerisch bearbeitetes Foto der zerstörten Synagoge in Herne

    Erinnerung und Gedenken an die Reichspogromnacht 1938

    „Dann war es nur noch Nacht und kalt und die Funken der Synagoge stieben durch die Luft.“

    „Hinten in der Schule, die zum Synagogenbau gehörte, wurden die Türen eingeschlagen. Fritzlers holten uns aus den Betten. Wir rannten alle in den vorderen Bereich, während es hinten schon anfing zu brennen.“

    Joel Katzenellenbogen war als Zwölfjähriger im November 1938 bei seinem Onkel Max Fritzler zu Besuch, der als Lehrer der jüdischen Gemeinde Wanne-Eickel
    in der Dienstwohnung der Synagoge wohnte. Alptraumhafte Sequenzen sind ihm in Erinnerung geblieben: die beißende Todesangst, plötzlich werden die Kinder aus einem Fenster herausgeschmissen, das Synagogendach bricht hinter ihnen zusammen, und ein Polizist, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hatte, führt das Ehepaar Fritzler in letzter Sekunde aus dem brennenden Haus durch die drohende Menschenmenge hindurch.

    „Dann war es nur noch Nacht und kalt und die Funken der Synagoge stieben durch die Luft.“

    Die Kosten für Abbruch und Trümmerbeseitigung stellte die Stadt anschließend der jüdischen Gemeinde in Rechnung.

    Wir erinnern heute an die Reichspogromnacht am 9. November 1938.

    Wie in Herne und Wanne-Eickel wurden in dieser Nacht in ganz Deutschland und Österreich über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört.

    Wie in Herne und Wanne-Eickel versammelten sich in dieser Nacht an vielen weiteren Orten Mengen von Schaulustigen, stimmten in die Hetzgesänge der Ausführenden ein und beteiligten sich vielfach an Zerstörungen und Plünderungen, während Polizeieinheiten und Feuerwehren lediglich darauf achteten, dass die Zerstörungen nicht auf Nachbargebäude übergriffen.

    Wir erinnern daran, dass in dieser Nacht– einmal mehr – Nachbarn zu Gaffern, Marodeuren und Gewalttätern wurden.

    Wir erinnern daran, dass die jüdische Bevölkerung bereits in den Jahren vor 1938 durch zahlreiche Gesetze ausgegrenzt und zu Bürgern zweiter Klasse gemacht worden war. Der 9. November 1938 ist jedoch eine Zäsur, er markiert den Zeitpunkt, ab dem die jüdische Bevölkerung in Deutschland vollständig entrechtet war und als vogelfrei angesehen werden konnte.

    Der 9. November ist uns eine Mahnung, niemals zu vergessen, dass die jüdische Bevölkerung in der Zeit des Nationalsozialismus in noch nie dagewesener Weise zum Feind stilisiert wurde, entrechtet, vertrieben und schließlich weitgehend ausgelöscht.

    Es ist auch die Mahnung, niemals zu vergessen, dass dies überhaupt erst möglich war, weil zu viele Menschen zu lange weggeschaut, geschwiegen oder mitgemacht haben.

    Doch das Erinnern und Mahnen ist leer, wenn es nicht zu alltäglichem Handeln führt!

    Handeln ist unverändert geboten, denn Antisemitismus hat in Deutschland nach wie vor einen fruchtbaren Boden: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr ist uns allen noch im Gedächtnis, es gab weitere Anschläge und Übergriffe, die es nicht oder nur kurz in die Schlagzeilen geschafft haben, nicht zu vergessen die antisemitischen Diskriminierungen unterhalb der Strafbarkeit, zum Beispiel Pöbeleien im öffentlichen Raum und Postings in den sozialen Medien – vielerorts trauen sich Jüdinnen und Juden nicht, sich öffentlich als solche zu erkennen zu geben.

    Worte haben im Dritten Reich den Boden bereitet für Antisemitismus in seiner fürchterlichsten Ausprägung. Worte bereiten auch heute den Boden für Taten:

    Wenn Herr Gauland die Zeit von 1933 bis 1945 als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ bezeichnet und Herr Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ nennt, sind dies Versuche der Relativierung und Verharmlosung der Shoa und zusätzlich die Negierung einer Verantwortung im Hier und Heute.
    Wenn die AfD, wie dieses Jahr in Hessen geschehen, den 9. November als „Schicksalstag der Deutschen“ zum Gedenk- und Feiertag erklärt wissen möchte, ist die Absicht ebenso leicht zu durchschauen: Im Gedenken an sehr unterschiedliche Wendepunkte der deutschen Geschichte soll das Gedenken an die systematische Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens im Dritten Reich verwässert und in den Hintergrund gedrängt werden.

    Aktuell werden bei zahlreichen Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen antisemitische Schuldzuweisungen für die Pandemie bzw. den Umgang mit ihr geäußert. Teilnehmende stilisieren sich durch das Tragen des so genannten Judensterns mit der Aufschrift „ungeimpft“ als Opfer im Sinne der Verfolgten im Dritten Reich – eine weitere Verharmlosung der Shoa und des Nationalsozialismus!

    Führungsfiguren der Herner „besorgten Bürger“ haben unter dem Banner der „Bruderschaft Deutschland“ am 3. Oktober in Berlin gemeinsam mit der rechtsextremistischen und neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ demonstriert, die sich offen antisemitisch positioniert. Damit haben sie einmal mehr deutlich gemacht, wo wir sie einzuordnen haben: Wer wissentlich und absichtlich mit Nazis marschiert, macht sich deren Ideologie zu eigen.

    Vor dem Hintergrund dieser Beispiele sind die Ergebnisse einer Studie des World Jewish Congress, in der es u.a. um antisemitische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung geht, erschreckend, aber nicht überraschend: Ein Drittel der Befragten hält die Ausgrenzung bis hin zu Gewalt gegen Juden oder jüdische Symbole und das Aberkennen allgemein gültiger Rechte scheinbar für normal. Ebenso viele können keine Diskriminierung von Juden in Deutschland erkennen.

    Im Einsatz gegen Antisemitismus sehen nur 20% der Befragten die Zivilgesellschaft in der Verantwortung. Mehrheitlich ist die Erwartung, dass die Regierungen und öffentlichen Institutionen dieser Verantwortung gerecht werden.

    Selbstverständlich ist der Staat in der Pflicht, einen besseren Schutz vor Übergriffen, die Sicherung jüdischer Einrichtungen, eine effektive Strafverfolgung und intensive Prävention zu gewährleisten.

    Das entbindet aber doch nicht die Zivilgesellschaft von der Verantwortung, wachsam zu sein, einzuschreiten, wenn z.B. in Diskussionen antisemitische Stereotype bedient werden, wenn auf der Straße jemand wegen seiner Kippa angepöbelt oder sogar geschlagen wird!

    Im Gedenken an Joel Katzenellenbogen, an die 401 Opfer der Shoa aus Herne und Wanne-Eickel und an die vielen weiteren Jüdinnen und Juden, deren Leben durch die Ereignisse von 1933 bis 1945 zerstört wurden, erinnern wir daher heute auch und ganz besonders an unser aller Verantwortung:
    Lasst uns eine aufmerksame und wache Zivilgesellschaft sein, die nicht wegschaut, sondern den Mund aufmacht, wenn Menschen diskriminiert werden.

    Lasst uns eine Zivilgesellschaft sein, die gemeinsam dazu beiträgt, dass Auschwitz nie wieder sei!

    Zitate und Erinnerungen entnommen aus dem Buch
    Herne und Wanne-Eickel 1933 – 1945
    Ein historischer Stadtführer von Ralf Piorr (Hg.) 2013

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner