Monat: November 2019

  • Foto Said Hussaini

    In Afghanistan wurde ich geboren

    Lasst bitte Deutschland meine Heimat sein.

    In Afghanistan wurde ich geboren.

    Mit vielleicht 2 Jahren flüchteten meine Eltern, mit mir, nach Pakistan.

    Ist Afghanistan meine Heimat? Nein!

    In Pakistan lebten wir illegal und unter ständiger Angst. Das, was mich glücklich machte war das Fußballspielen, mit meinen Freunden.

    Ist Pakistan meine Heimat? Nein!

    Meine Eltern schickten mich zu einem Onkel, in den Iran. Diese Familie lebte dort ebenfalls illegal. Hier verbrachte ich ein paar Jahre. Dann sagte mein Onkel ich kann nicht länger bei ihm bleiben.

    Ist der Iran meine Heimat? Nein!

    Während ich mit meinem Vater telefonierte, sagte er mir, Hussain, geh nach Europa, damit wenigstens einer von uns überlebt. Er schickte mir Geld und ich ging diesen Weg.

    Jetzt lebe ich in Deutschland, seit September 2015. Es war oft sehr schwer, aber ich gehe das erste Mal in die Schule, lerne die sehr schwere deutsche Sprache, habe neue Freunde, eine deutsche Familie und eine sehr schöne Wohnung. Ich denke, ich bin oft glücklich.

    Ist Deutschland meine Heimat? Ja, hier fühle ich mich gut.

    Lasst bitte Deutschland meine Heimat sein.

  • Stefan Marx (DGB Ruhr Mark) auf der Kundgebung

    Rede Stefan Marx – DGB Regionsgeschäftsführer

    Demokratie ist ein Mitmachsport

    Liebe Bürgerinnen und Bürger in Herne,

    liebe Demokratinnen und Demokraten, 

    liebe Kolleginnen und Kollegen,

    ich bin gebeten worden, hier zu Beginn einige Gruppen aus unserem gewerkschaftlichen Umfeld zu benennen.

    Zuerst einmal begrüße ich die Vorstandsmitglieder des ver.di Fachbereich Gemeinden (Kommunen), und dabei auch den Kollegen und DGB Stadtverbandvorsitzenden Eric Lobach, der in diesem Bündnis aktiv ist. 

    Entschuldigen muss ich die Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Diese haben seit 18 Uhr ihre Jahreshauptversammlung und können an der Kundgebung leider nicht teilnehmen. Sie wünschen gutes Gelingen für diese Veranstaltung und sind beim nächsten Mal wieder dabei.

    Auch erwähnen möchte ich die Polizistinnen und Polizisten, die uns hier jede Woche vor diesem Mob beschützen, ich bedanke mich auch hier gerne für die Zusammenarbeit. Hierbei gibt es auch viele Kolleginnen und Kollegen aus einer DGB Gewerkschaft, der GdP, und ich weiß von ihnen, dass sie den brauen Mob nicht gerne hier abends von uns fernhalten müssen. Aber sie tun es aus Überzeugung, weil sie wissen, was passiert, wenn dieser Personenkreis mehr Macht erhält und die Sicherheitskräfte dann eher für den Terror benutzt werden anstatt für Sicherheit zu sorgen. 

    Meine sehr verehrten Damen und Herren,

    es freut mich, dass sich hier seit Wochen viele Menschen eindeutig bekennen zu Nächstenliebe, Toleranz und einem bunten Herne.

    Es ist erschreckend zu erkennen, dass mitten unter uns, auch in dieser Stadt, ein brauner Mob lebt und immer gelebt hat, der sich jetzt wieder traut, unter dem fadenscheinigen Argument „Sicherheit“ auf die Straße zu gehen. 

    Sie waren nie weg. Immer gab es in unseren Städten alte und neue Nazis, aber diese waren oftmals unerkannt und trauten sich kaum, laut zu werden.

    Doch seit der Zeit von Pegida und der AfD, seitdem diese Gesellschaft gezeigt hat, dass Asylsuchende hier willkommen sind, seitdem kommen sie wieder raus aus ihren Verstecken und propagieren alte Parolen in neuem Gewand.

    Schuld an allem sind natürlich diejenigen, welche hier Schutz vor Krieg und Verfolgung, vor Hunger und Not suchen. Sie wollen uns angeblich alles wegnehmen.

    Mit diesem Argument schüren sie die Ängste in einem Teil der Bevölkerung. Und das gerade bei denen, die von Tarifverträgen profitieren, von einem Sozialsystem, das erkämpft wurde, und vielen anderen Annehmlichkeiten dieser Gesellschaft; aber sie wollen nicht hören, dass ihr Reichtum im Grunde dazu führt, dass andere auf der Welt arm sind. 

    „Wäre ich nicht arm, so wärst du nicht reich.“

    Vor den neuen Entwicklungen haben viele Angst. Ob es die Digitalisierung der Gesellschaft oder die Globalisierung ist, man steht staunend vor der Veränderung, und viele können sich eine Welt von morgen kaum vorstellen.

    Diese Ängste werden jetzt aufgenommen und kanalisiert. Aber statt zu fragen, warum es denn natürlich ist, wenn das Kapital und die Großunternehmen globaler werden und warum immer mehr Kapital gehortet wird, wird lieber Angst vor Fremden geschürt und jeglicher Wandel ignoriert oder abgelehnt.

    Abstiegsängste und diese Sorgen müssen wir ernst nehmen. Aber es wäre falsch, jetzt einfache Lösungen zu suchen, wie es diese Rechtsextremisten tun, und ebenso ihre Steigbügelhalter, die sogenannten Rechtspopulisten, die sogar in unseren Parlamenten ihre menschenfeindlichen Parolen zum besten geben dürfen, unter dem Schutzmantel der Demokratie, die sie ablehnen. 

    Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    man soll nicht glauben, dass sich hinter den Organisatoren der Märsche wirklich besorgte Bürger verbergen. Nein, es sind Nazis aus Herne und Umgebung, die hier versuchen, das ganze Klima des Wandels und der Angst für ihre menschen- und gesellschaftsfeindliche Propaganda zu missbrauchen. 

    Diese scheuen sich auch nicht vor Gewaltandrohungen, und wer sie erlebt hat, weiß, das ist nicht nur eine hohle Drohung. Dieser Personenkreis ist gewaltbereit und scheut nicht davor zurück, Menschen, die anderer Meinung sind, ihren Hass und Verachtung spüren zu lassen.

    Hier ist ein breites Kreuz von allen gesellschaftlichen Gruppen gefragt, über demokratische Parteien, Sportvereine, die Kirchen und auch uns, die Gewerkschaften. Solidarität mit allen, die sich denen entgegenstellen und Mut zeigen. Meine Solidarität haben diese Menschen immer. 

    Meine sehr verehrten Damen und Herren 

    Sie und ihr steht hier und zeigt, dass nicht die sogenannten schweigende Mehrheit wirklich die Mehrheit ist, sondern dass diejenigen, welche dann als „Gutmenschen“ verunglimpft werden, viel mehr sind. Ja, es gehört Mut dazu, sich so gegen die Nazis zu stellen, aber dieser Mut ist in einer Demokratie unerlässlich. Demokratie ist ein Mitmachsport
    und kein Zuschauerspiel. Er lebt von engagierten Bürgern in den Städten und Gemeinden. 

    Und ich kann nur allen hier zurufen: Steht auf, haltet weiter durch. Keinen Fußbreit den Faschisten. Herne ist bunt und nicht braun, und ihr seid die Mehrheit!

    Glück auf!

  • Rednerinnen auf der Kundgebung unter dem Pavillon

    Rede zur Gedenkfeier am 8. November

    Gedenken an die Reichspogromnacht in Herne am Shoah-Mahnmal!

    Wir alle spüren einen Klimawandel im doppelten Sinne. Das bringt uns heute wieder hier, an diesen Ort der Erinnerung und Mahnung zusammen. Mit Beidem finden wir uns nicht ab! Nicht mit der, von Menschen gemachten und die menschliche Existenz bedrohenden Zunahme globaler Wetterextreme. Und auch nicht mit dem gesellschaftspolitischen Klimawandel, der zunehmenden Kälte in der Gesellschaft und wachsender rechtsextremer Gewalt und Menschenfeindlichkeit.

    Bertolt Brecht schreibt:

    „Da fragte ich mich: Was für eine Kälte

    Muss über die Leute gekommen sein!

    Wer schlägt da so auf sie ein

    Das sie jetzt so durch und durch erkaltet?

    So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!

    Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!“

    Heute ist ein Anlass daran zu erinnern, dass unsere Schule den Namen „Erich Fried“ trägt. Erich Fried, dem verfolgten Juden gelang 1938, dem Jahr der Pogrome, als 17-jährigem die Flucht vor den Nazis. Fried verstand sich zeitlebens als ein Schriftsteller, der gegen Faschismus, Rassismus, Unterdrückung und Vertreibung unschuldiger Menschen anschrieb. Wir stellen uns bewusst in seine Tradition.

    Erich Fried schreibt in seinem Gedicht „Dann wieder“:

    „Was keiner geglaubt haben wird

    was keiner gewusst haben konnte

    was keiner geahnt haben durfte

    das wird dann wieder

    das gewesen sein

    was keiner gewollt haben wollte.“

    Wie in den letzten Jahren haben wir uns heute wieder hier versammelt, um gemeinsam an die Opfer von Nazi-Terror und Krieg zu erinnern. Wir stehen gemeinsam dafür ein, dass sich das Leid, dass Rechtsextreme und Nazis damals über die Menschheit gebracht haben, niemals wiederholt. Gemeinsam mit vielen Menschen aus der Herner Stadtgesellschaft und dem „Bündnis Herne“, stellen wir uns den Nazis von heute in den Weg! Den Rassisten, die wöchentlich durch Herne marschieren, überlassen wir nicht unsere Stadt!

    Wir stehen hier an diesem Mahnmal für die Opfer des Widerstandes gegen den Faschismus, um an die Männer, Frauen und Jugendlichen aus Herne und Wanne-Eickel zu erinnern, die ihre Gesundheit und ihr Leben im Widerstand gegen die Nazi-Barbarei und den Krieg lassen mussten. Die Opfer von damals mahnen uns, heute wachsam zu sein!

    Viele der Verfolgten, die damals unter ständiger Lebensgefahr Widerstand leisteten, mussten schon früh ihre Heimat verlassen, weil sie vor den Nazis, ihren zahllosen Helfern und Mitläufern flüchten mussten. Oft fanden die Emigranten Unterschlupf und Hilfsbereitschaft in Deutschland und in anderen Ländern.

    Wir haben uns auch heute wieder hier zusammengefunden, um der zahlreichen Opfer von

    Faschismus,

    Nationalismus,

    völkischem Denken,

    Rassenwahn,

    Zwangsarbeit und Krieg

    in unserer Stadt zu gedenken.

    Wieder stehen wir gemeinsam heute hier, um daran zu erinnern, dass am 9. November 1938, vor 81 Jahren in Herne und Wanne-Eickel die jüdischen Gotteshäuser, die Synagogen, von den Nazis und ihren Helfern in Brand gesteckt, jüdische Mitmenschen und Nachbarn entrechtet, verfolgt, beraubt und ermordet wurden.

    Wir sind heute aber auch
    wieder hier um laut NEIN
    zu sagen: Wir sagen Nein zu Hass und Gewalt gegen schutzsuchende Flüchtlinge und Ausländer und Menschen anderer politischer Gesinnung, ihrer Hautfarbe oder ihrer religiösen oder sexuellen Orientierung! Wir finden uns nicht
    damit ab und wir sind empört darüber, dass – fast täglich – Menschen auf ihrer Flucht vor grausamen Kriegen, vor Verfolgung, Not und Elend zu Tode kommen!

    Wir sagen NEIN

    zu brennenden Flüchtlingsunterkünften! Zu Mord-und Gewaltandrohungen gegen Politiker, Journalisten. Klimaaktivisten und Andersdenkende!

    Wir sagen NEIN
    zu der rassistischen Hetze der geistigen Brandstifter in sozialen Netzwerken, auf dem Schulhof, an den Stammtischen, im Betrieb oder auf der Straße! Wir stellen uns schützend vor unsere Mitschülerinnen und Mitschüler aus Migrationsfamilien und sagen ihnen mit Erich Fried: „Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bis du die ganze Welt!

    Wir sagen NEIN

    zu allen Kriegen auf der Welt und zum Waffenhandel!

    Wir sagen NEIN

    zu Armut und sozialer Ungerechtigkeit in unserer Stadt, in unserem Land und in der Welt!

    Wir treten ein

    • für Menschlichkeit und Solidarität,
    • für Toleranz und Vielfalt,
    • für den Frieden, soziale Gerechtigkeit und eine glückliche Zukunft a l l e r Menschen!

    Darum bitten wir euch,

    • Schaut nicht weg, sondern seht genau hin!
    • Ergreift das Wort, wenn andere zum Unrecht schweigen!
    • Nehmt Anteil am Schicksal eurer Mitmenschen, wo andere gefühlskalt und gleichgültig die Schulter zucken!
    • Werdet aktiv, helft mit und bietet der Unmenschlichkeit die Stirn!

    Wer Flüchtlinge, Migranten und Andersdenkende angreift und verächtlich macht, greift uns
    an und macht uns
    verächtlich
    !

    Wer die Rechte der Schwachen missachtet, missachtet auch uns! Wer Kriege anzettelt und vom Waffenhandel profitiert, wer den Klimawandel ignoriert und verleugnet, gefährdet das Überleben auf unserem Planeten, zerstört die Heimat und Lebensgrundlage von Millionen Menschen!

    Und der bedroht auch unsere Zukunft!

    Bertold Brecht schreibt:

    „Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt

    Und lässt andere kämpfen für seine Sache

    Der muss sich vorsehen: denn

    Wer den Kampf nicht geteilt hat

    Der wird teilen die Niederlage.

    Nicht einmal den Kampf vermeidet

    Wer den Kampf vermeiden will: denn

    Es wird kämpfen für die Sache des Feinds

    Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“

    Erich Fried mahnt:

    „Die Zukunft liegt nicht darin, dass man an sie glaubt oder nicht an sie glaubt, sondern darin, dass man sie vorbereitet.“

     Greifen wir also aktiv ein, überlassen wir unsere Zukunft nicht denen die Hass und Gewalt predigen! Unsere Zukunft vorzubereiten bedeutet, heute für einander einzustehen und zu verhindern, dass sich Geschichte wiederholt! 

    Wir bitten Euch nun um eine Schweigeminute im Gedenken an die Opfer des Nazi-Terrors von damals und heute!

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