Heute jährt sich zum dritten Mal die Gründung des Bündnis Herne.
Vor genau drei Jahren, am 20.08.2019, haben wir mit nur zwei Tagen Vorlauf eine Kundgebung auf dem Robert-Brauner-Platz auf die Beine gestellt. Sie war gegen den Versuch gerichtet, eine rechtsradikale Bürgerwehr in Herne zu etablieren.
Wir alle gemeinsam haben damals erreicht, dass die als „Spaziergang“ getarnten Aufmärsche zunächst die Unterstützung aus anderen Ruhrgebietsstädten verloren und schließlich ganz eingestellt wurden.
Mit etwas Stolz schauen wir heute zurück auf exakt 90 Veranstaltungen unterschiedlichster Art, die wir als Bündnis Herne ab August 2019 durchgeführt haben: V. a. Kundgebungen und Mahnwachen (insgesamt 60), darüber hinaus Livestreams zu verschiedenen Themen, Onlinebeiträge zu unterschiedlichen Anlässen, Workshops, Podiumsdiskussionen …
Das alles wäre nicht möglich ohne die breite Unterstützung aus der Herner Zivilgesellschaft.
Vielen Dank an euch alle!
Zu danken haben wir auch unseren zahlreichen Kooperationspartnern für die tolle Zusammenarbeit bei verschiedensten Anlässen. Bitte seht es uns nach, dass wir nicht alle aufzählen. Eine fast vollständige Übersicht findet ihr hier.
(ihr fehlt in der Liste? Meldet euch gern und wir fügen euch dort ein).
Auch weiterhin wird sich das Bündnis Herne rechtsradikalen und anderen antidemokratischen Umtrieben in Herne entgegenstellen. Bedauerlich, dass das wohl auch weiter nötig sein wird.
Aber: Wir freuen uns darauf, diesen Weg gemeinsam mit euch weiter zu gehen!
Aktivist:innen aus NRW starten Social Media-Aktion vor der Landtagswahl
Essen/Herne/Oberhausen/Bochum, 12. Mai 2022. Unter dem Hashtag #LandtagNazifrei haben am Donnerstagabend um 19 Uhr zahlreiche Organisationen, Einzelpersonen, Bands und Gruppen ein eindeutiges Zeichen gegen die AfD vor der anstehenden Landtagswahl am Sonntag gesetzt. „AfD wählen heißt Nazis wählen“, stellen die Initiator:innen klar. „Schleswig-Holstein hat es vorgemacht, dort ist die rechtsextreme AfD deutlich aus dem Landtag rausgewählt worden. Wir wollen mit unserer Aktion erreichen, dass das auch bei uns in NRW passiert.“ Im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland wird am kommenden Sonntag ein neuer Landtag gewählt. Noch ist die Partei mit 13 Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag vertreten.
„Die AfD verbreitet weiter ihre rassistischen, menschenverachtenden Parolen und ist der parlamentarische Arm der extremen Rechten“, so die Initiator:innen. „Sie versucht Rassismus und rechte Hetze salonfähig zu machen. Wir erleben schon länger einen Rechtsruck in der Gesellschaft. Sich dem aktiv entgegen zu stellen, ist für uns selbstverständlich. Wir hoffen, dass die Bürger:innen das auch so sehen und ihr Kreuz nicht bei der sogenannten Alternative für Deutschland machen.“ Rund 13 Millionen Wahlberechtigte können am Sonntag ihre Stimme abgeben.
Am heutigen Donnerstag wurde bekannt, dass in Essen ein rechtsextremer Terroranschlag verhindert wurde. Dort wurde ein 16-jähriger Schüler verhaftet, der unter dem dringenden Verdacht steht, einen Anschlag geplant zu haben. In seiner Wohnung wurde neben einer Armbrust und Rohrkörpern auch rechtsextremes und ausländerfeindliches Material gefunden, wie NRW-Innenminister Herbert Reul auf einer Pressekonferenz bestätigte. „Wir sehen, dass Rechtsextremismus – auch in Nordrhein-Westfalen – eine Gefahr für alle darstellt“, so die Initiator:innen. Erst am Dienstag hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser bestätigt, dass die größte Gefahr für politisch motivierte Straftaten von rechts ausgeht. „Diese schon seit Jahren andauernde Entwicklung ordnen wir klar auch dem Erstarken der AfD zu. Sie verschiebt wieder und wieder die Grenze des Sag- und Machbaren und ist klar (mit)verantwortlich für den Rechtsruck in unserer Gesellschaft. Rechtsextremes Gedankengut wird so relativiert und wie schnell aus Worten Taten werden können, haben wir heute in Essen gesehen“, sagen die Initiator:innen der heutigen Social Media-Aktion.
Zurück geht die Initiative auf eine Bündnis aus mehreren Gruppen und Bündnissen aus Nordrhein-Westfalen, unter anderem Aufstehen gegen Rassismus Essen, Aufstehen gegen Rassismus Wuppertal, Essen stellt sich quer, Bündnis Herne, Schirme gegen Rechts, SJD – Die Falken LV NRW, ES REICHT! Oberhausen solidarisch gegen Rechts, AfD Watch Bochum.
2020 ist fast vorbei – für vermutlich die meisten von uns war es auf die ein oder andere Weise ein wirklich anstrengendes Jahr.
Auch aus Sicht des Bündnis Herne war 2020 eine große Herausforderung. Aber wir wollen nicht lamentieren, sondern darauf schauen, was wir unter den veränderten Bedingungen daraus machen konnten: Häufig sind wir in den virtuellen Raum umgezogen, z.B. mit dem Livestream am 9. Mai zusammen mit dem Archäologiemuseum („Tag der Befreiung“), mit unseren Beiträgen zum ersten Herner CSD im Juni sowie zur Reichspogromnacht im November, mit unserer allerersten Onlinetagung kurz vor Weihnachten, und dem 14-täglichen Livestream, mit dem wir seit einigen Wochen eine Möglichkeit zum Austausch zwischen euch und uns bieten. In coronagerechtem Rahmen konnten wir zudem einige wenige Vor-Ort-Veranstaltungen umsetzen: Die beiden symbolischen Liveproteste gegen die AfD-Kreisparteitage im Juni, unsere Geburtstagsfeier auf dem Friedrich-Ebert-Platz im August und die Moria-Stühle-Aktion im September.
Nicht alles war virtuell lösbar: Für unsere Kreativaktion „Herzensangelegenheiten“ sind wir euch noch den krönenden Abschluss schuldig – sowohl für die Übergabe der Preise an die Gewinner*innen wie auch für die Abgabe der Herzen für einen guten Zweck finden wir im neuen Jahr eine Möglichkeit, ohne unnötige Risiken eingehen zu müssen. Die Vielfalt und Kreativität, die uns mit euren Rücksendungen erreicht haben, verbuchen wir definitiv unter „Schönes und Wertvolles in 2020“, weshalb wir euch zum Jahresabschluss gern eine Auswahl präsentieren!
Wir wünschen euch und uns für 2021, dass es ein richtig gutes Jahr wird, in dem wir uns alle irgendwann live und v.a. unbeschwert wiedersehen!
Der Kirchenkreis Herne hat nach dreieinhalb Jahren Pfarrer Kornelius Heering verabschiedet. Kornelius tritt nun seine erste Pfarrstelle in Düsseldorf an.
Sehr geehrte Damen und Herren, vor allem aber lieber Kornelius,
vor etwas mehr als einem Jahr haben wir uns kennengelernt, und nun heißt es schon Abschied nehmen.
Ich bin sehr froh, dass ich heute als Vertreterin des Bündnis Herne die Gelegenheit für ein paar persönliche Worte habe.
Am 20.08.2019 sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Das war der Tag, an dem sich, wie du es einmal gesagt hast, nicht nur „Wutbürger“, sondern vor allem „Mutbürger mit Zivilcourage“ in Herne versammelt haben:
Ohne voneinander zu wissen, haben wir an diesem Tag gleichzeitig gehandelt, um einem erneuten rechtsradikalen Aufmarsch durch die Herner Innenstadt etwas entgegenzusetzen: Wir standen mit etwa 500 Menschen auf dem Robert-Brauner-Platz und bekamen die Information: Vor der Kreuzkirche macht der Pfarrer auch was! Im Angesicht von etwa 120 ungeduldig wartenden rechten Marschierern hast du mit deinen Kolleginnen Melanie Jansen und Katja Lueg und 50 Gemeindemitgliedern ein spontanes Open-Air-Friedensgebet vor den Türen dieser Kirche veranstaltet.
Dafür hat dich bei Facebook kürzlich jemand als „Don Camillo von Herne“ bezeichnet!
Wir jedenfalls haben dich an diesem Abend als jemand kennengelernt, der die Initiative ergreift, statt zu warten, dass jemand anders etwas unternimmt.
Bei unserem nächsten Treffen warst du mit dabei und fortan fester Bestandteil des Bündnis Herne.
Als wir uns im Orgateam über deinen Abschied von Herne unterhalten haben, hat dich jemand mit den Worten beschrieben, „Kornelius hat eine gute Ader und steht im Leben“. Das trifft es auf den Punkt: Für dich endet dein kirchlicher Auftrag nicht an der Kirchentür, sondern du suchst und siehst die Verbindung zu dem, was „draußen“ passiert. Aufgrund deiner „guten Ader“ ist es zudem leicht, mit dir ins Gespräch zu kommen. Den Pfarrer im angeregten Austausch mit einem Vertreter der islamischen Gemeinde wie auch mit eingefleischten Linken und überzeugten Atheisten zu sehen– das ist eine meiner persönlichen Lieblingserinnerungen an die Arbeit im Bündnis Herne: Wenn das im Kleinen funktioniert, warum sollte es nicht auch im Großen gelingen können?
Unsere gemeinsamen Kundgebungen auf dem Robert-Brauner-Platz standen auf einem breiten Fundament der Zivilgesellschaft. Deine bzw. eure wöchentlichen ökumenischen Friedensgebete vor der Kreuzkirche haben erheblich dazu beigetragen.
Gemeinsam haben wir ein „Format“ für unsere wöchentlichen Aktivitäten gefunden, bei dem für jede und jeden etwas dabei war: Nicht nur der laute Protest gegen die Rechtsradikalen von Angesicht zu Angesicht, sondern auch Gebet und Gesang, Musik, informative und kulturelle Highlights, nicht zu vergessen der Austausch mit Gleichgesinnten. Dazu hast du wichtige Impulse beigesteuert und so die Vielfalt im Bündnis Herne deutlich erweitert. Miteinander haben wir es geschafft, dass die rechtsradikalen Aufmärsche aus dem Stadtbild verschwunden sind. Das Gedankengut ist noch da, deshalb geht unsere Arbeit weiter, nun aber leider ohne dich.
Allein diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass du uns sehr fehlen wirst!
Gleichzeitig freuen wir uns für dich über die neuen Aufgaben, die vor dir liegen. Und ganz uneigennützig freuen wir uns auch für die Menschen deiner zukünftigen Gemeinde in Düsseldorf, die nun mit dir zusammenarbeiten dürfen.
Lieber Kornelius, damit du uns auch aus der Ferne in guter Erinnerung behältst, hat unser Orgateam folgendes beschlossen: Wir verleihen dir die allererste Ehrenmitgliedschaft im Bündnis Herne! Leider sind keinerlei Rechte oder Ansprüche damit verbunden, andererseits verpflichtet es dich auch zu nichts. Die Ehrenmitgliedschaft soll dich aber daran erinnern, dass, wann immer du mal nach Herne kommst, du an unserem Tisch einen Platz hast!
Zum Abschied bekommst du von uns außerdem eine kleine Erinnerung an unsere Stadt – und etwas, das du möglicherweise in Düsseldorf auch gut gebrauchen kannst.
Stellvertretend für das gesamte Orgateam des Bündnis Herne sage ich noch einmal „Vielen Dank, dass du bei unserem spannenden Projekt an unserer Seite warst“! Wir wünschen dir und deiner Frau von ganzem Herzen alles Gute für das, was vor dir und vor euch liegt!
Heute vor genau einem Jahr hat die erste Veranstaltung des Bündnis Herne stattgefunden. Der Anlass war ganz sicher kein Grund zum Feiern: Eine Gruppe schwarz gekleideter Männer hatte seit Anfang August 2019 damit begonnen, „Spaziergänge“ über die Bahnhofstraße zu unternehmen, vom Europaplatz vor der Kreuzkirche zum Bahnhof und zurück. Ihr Anliegen machten sie während ihrer „Spaziergänge“ nicht deutlich. Ein bei Facebook verbreiteter Aufruf ließ jedoch nichts Gutes vermuten: Es ging irgendwie um die „Sicherheit auf unseren Straßen“, im Zusammenhang mit Hetze gegen Flüchtlinge. Teilnehmer dieser „Spaziergänge“ waren u. a. Neonazis aus der rechten Hooliganszene aus Herne, Mitglieder der Bruderschaft Deutschland und die „Steeler Jungs“ aus Essen.
Am 20.08.2019 trafen sich nicht nur „Wutbürger“ in Herne, sondern vor allem „Mutbürger“ mit Zivilcourage:
Vor genau einem Jahr haben sich etwa 500 Menschen auf dem Robert-Brauner-Platz versammelt, um diesem rechtsradikalen Mob aus Herne und Umgebung den Marsch durch die Bahnhofstraße zu verwehren! Und das nach nur gerade einmal zwei Tagen Vorbereitungs- und Mobilisierungszeit! Wir standen auf dem Robert-Brauner-Platz und hatten eigentlich nichts: keine Musik, keine Anlage, keine Reden … es gab Flyer, Blumen und Käsebrötchen. Ihr wart alle da und seid geblieben, bis klar war, dass die Polizei die rechte Veranstaltung auf dem Europaplatz vor der Kreuzkirche aufgelöst hatte.
Pfarrer Kornelius Heering hat mit seinen Kolleginnen, den Pfarrerinnen Melanie Jansen und Katja Lueg, gemeinsam mit ca. 50 Gemeindemitgliedern ein spontanes Open-Air-Friedensgebet veranstaltet, inklusive anhaltendem Glockengeläut. Ihnen gegenüber standen etwa 120 rechte Marschierer die ungeduldig auf ihren „Spaziergang“ warteten. Darunter waren auch die Dortmunder Neonazi-Größen Michael Brück und Siegfried Borchardt, genannt „SS-Siggi“.
Dieser vielfältige Einsatz unterschiedlicher Menschen für Frieden und Vielfalt in unserer Stadt war die Geburtsstunde des Bündnis Herne als breites zivilgesellschaftliches Bündnis: Neben den Vertreter*innen verschiedener demokratischer Parteien und Gewerkschaften sowie dem Kulturell-Alternativen Zentrum (KAZ) ist bis heute eine große Zahl von Privatpersonen beteiligt. Partei- und Gewerkschaftszugehörigkeiten spielen in allen Diskussionen eine untergeordnete Rolle. Fast von Anfang an dabei sind auch die christlichen Kirchen Hernes; seit längerem ist zudem die Islamische Gemeinde Röhlinghausen fester Bestandteil des Bündnis Herne. In mehr oder weniger loser Kooperation wissen wir uns außerdem unterstützt von einer ganzen Reihe weiterer Herner Vereine und Institutionen.
Auf dieser breiten Grundlage und mit eurer großartigen Unterstützung haben wir uns gemeinsam dem Aufmarsch der Rechtsradikalen in den Weg gestellt, sieben Monate lang, auch bei Regen, Wind und Kälte – Woche für Woche waren wir da – beginnend mit dem Friedensgebet auf dem Europaplatz und der anschließenden Kundgebung auf dem Robert-Brauner-Platz. Nach und nach verlor der rechte Herner Mob immer mehr die Unterstützung von außen, bis er im Februar schließlich die öffentlichen Aktivitäten einstellte.
Und das ist nun wirklich in der Tat ein Grund zum Feiern: Die Hernerinnen und Herner haben mit sehr viel Ausdauer bewiesen, dass in unserer Stadt kein Platz ist für rechte Hetze. Wir stehen miteinander ein für eine offene, tolerante und friedliche Zivilgesellschaft in Herne! Hinzuzufügen ist ein „Aber …“.
Nur weil die rechten Hetzer aufgehört haben zu marschieren, sind sie nicht weg und ihre Ideen genauso wenig. Sie leben mitten unter uns, sind Nachbar*innen, Kolleg*innen, Freund*innen, Familienangehörige. Wir haben gesehen, dass uns bekannte Personen aus dem rechtsradikalen Umfeld Hernes versucht haben, in Nachbarstädten Fuß zu fassen; sie haben sich den „Hygienedemos“ z.B. in Bochum angeschlossen und waren z.T. auch am 01.08.2020 bei der großen Demo in Berlin dabei.
Aufhören ist für uns daher keine Option.
Das hatten wir tatsächlich schon bei der Gründung des Bündnis Herne vor einem Jahr im Hinterkopf: Wir wollten langfristig daran mitwirken, die Zivilgesellschaft und das demokratische Bewusstsein in Herne zu stärken. Bedingt durch die hohe Schlagzahl bis März konnten wir in dieser Hinsicht noch nicht so aktiv werden, wie wir uns das vorgestellt hatten. Anschließend hat uns – wie vielen anderen auch– Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Wie ihr seht, sind wir aber nach wie vor aktiv, und mit uns ist weiterhin zu rechnen!
Und mit euch offenbar auch! Lasst uns heute alle miteinander unser gemeinsames Engagement feiern! Schön, dass ihr da seid – viel Spaß mit unserem bunten Programm!
Wir als Bündnis Herne wollten nicht nur den Aufmarsch des rechtsradikalen Mobs verhindern.
Wir möchten langfristig daran mitwirken, die Zivilgesellschaft und das demokratische Bewusstsein in Herne zu stärken. In diesem Zusammenhang sind wir im vergangenen Jahr auf ein Buch gestoßen, von dem wir denken: „Das passt zu uns!“ Es heißt „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“, der Autor ist der Journalist und Philosoph Jürgen Wiebicke. Der eine oder die andere von euch kennt es möglicherweise schon, denn es ist bereits 2017 erschienen. Es hat jedoch in der Zwischenzeit nichts an Aktualität eingebüßt. Wiebicke treibt die Frage um, wie wir jenseits der Wahlkabine die Substanz unserer Demokratie gegen ihre Verächter verteidigen können. Das allein „der Politik“ zu überlassen, ist für ihn nicht die richtige Antwort. Daraus ist ein unkompliziert zu lesendes Buch entstanden. Es soll ausdrücklich kein „Werkzeugkasten“ sein, keine Checkliste, die abgearbeitet werden muss. Es soll mithelfen, das Gefühl wieder zu stärken, dass das eigene Handeln zählt. Auch wenn nicht jeder von Wiebickes Gedanken und Vorschlägen ungeteilte Zustimmung finden wird: Immer fordert er zu eigenem Nachdenken heraus, dazu, persönliche Schlüsse zu ziehen für das eigene Handeln. Mehr wollen wir an dieser Stelle zum Inhalt nicht verraten, denn wir empfehlen euch, es selbst zu lesen.
Warum passt das Buch zu uns?
Das Motto des Bündnis Herne lautet „Mitmachen. Mitreden. Miteinander“: Wir wollen das Handeln nicht allein anderen überlassen, sondern selbst Akzente setzen. Und ihr habt es durch die Teilnahme an unseren Veranstaltungen gezeigt: Auf dem Sofa verharren und von dort aus schimpfen ist auch eure Sache nicht. Aus persönlichen Gesprächen mit vielen von euch wissen wir außerdem, dass ihr auf dem einen oder anderen Gebiet sehr engagiert seid.
Zu unserer heutigen Veranstaltung passt es außerdem aus mehreren Gründen: Da sind zum einen die anstehenden Kommunalwahlen am 13. September: Wir rufen euch auf, euer Wahlrecht verantwortungsvoll wahrzunehmen. Wir werden keine konkrete Wahlempfehlung für oder gegen eine bestimmte Partei aussprechen. Aber wir bitten euch: Prüft das Angebot, verteidigt in der Wahlkabine die Substanz unserer Demokratie! Das gleiche gilt natürlich für die Wahlen zum Ruhrparlament und zum Integrationsrat. Zum anderen hatten wir schon vor einiger Zeit geplant, euch dieses Buch zu schenken – als Anregung für euer und Bestärkung in eurem Engagement jenseits der Wahlkabine, oder auch als Aufhänger für Diskussionen in eurem Umfeld. Lange haben wir auf diese Gelegenheit warten müssen. Aber gerade jetzt, in gesellschaftlich und politisch herausfordernden Zeiten, passt es nun eigentlich besonders gut. Nutzen wir also unseren Geburtstag als gute Gelegenheit, mit diesem kleinen Geschenk „danke“ zu sagen für eure großartige Unterstützung!
Wir laden euch ein, während der nächsten Musikeinlage zu uns an die Infotheke zu kommen und euch ein Exemplar abzuholen. Bitte achtet dabei auf die Einhaltung der Abstandsregeln.
Bedanken möchten wir uns auch beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Die Verantwortlichen waren von der Idee, die „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ im Rahmen einer unserer Veranstaltungen zu präsentieren, sehr angetan und haben unsere Bestellung daher mit einem Rabatt unterstützt.
gemeinsam mit dem LWL-Museum für Archäologie Herne haben wir ein über dreistündige Livesendung ins Internet gebracht.
Das war spannend, denn niemand von uns hatte damit bislang Erfahrung.
Nach den Wochen der Vorbereitung und Umsetzung können wir festhalten:
Die Arbeit hat sich gelohnt!
Wie versprochen ist die Aufzeichnung des Livestreams auch zukünftig verfügbar, sowohl hier bei Facebook als auch bei Youtube.
Einige Beiträge konnten wir am Samstag leider nur in gekürzter Form verwenden, die Langfassung findet ihr demnächst ebenfalls hier.
Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei allen Mitwirkenden bedanken, die uns auf unterschiedliche Weise unterstützt und zum Gelingen unseres glänzenden Aktionstages beigetragen haben:
Für die finanzielle Förderung bei „Demokratie leben!“
ich bin gebeten worden, hier zu Beginn einige Gruppen aus unserem gewerkschaftlichen Umfeld zu benennen.
Zuerst einmal begrüße ich die Vorstandsmitglieder des ver.di Fachbereich Gemeinden (Kommunen), und dabei auch den Kollegen und DGB Stadtverbandvorsitzenden Eric Lobach, der in diesem Bündnis aktiv ist.
Entschuldigen muss ich die Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Diese haben seit 18 Uhr ihre Jahreshauptversammlung und können an der Kundgebung leider nicht teilnehmen. Sie wünschen gutes Gelingen für diese Veranstaltung und sind beim nächsten Mal wieder dabei.
Auch erwähnen möchte ich die Polizistinnen und Polizisten, die uns hier jede Woche vor diesem Mob beschützen, ich bedanke mich auch hier gerne für die Zusammenarbeit. Hierbei gibt es auch viele Kolleginnen und Kollegen aus einer DGB Gewerkschaft, der GdP, und ich weiß von ihnen, dass sie den brauen Mob nicht gerne hier abends von uns fernhalten müssen. Aber sie tun es aus Überzeugung, weil sie wissen, was passiert, wenn dieser Personenkreis mehr Macht erhält und die Sicherheitskräfte dann eher für den Terror benutzt werden anstatt für Sicherheit zu sorgen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es freut mich, dass sich hier seit Wochen viele Menschen eindeutig bekennen zu Nächstenliebe, Toleranz und einem bunten Herne.
Es ist erschreckend zu erkennen, dass mitten unter uns, auch in dieser Stadt, ein brauner Mob lebt und immer gelebt hat, der sich jetzt wieder traut, unter dem fadenscheinigen Argument „Sicherheit“ auf die Straße zu gehen.
Sie waren nie weg. Immer gab es in unseren Städten alte und neue Nazis, aber diese waren oftmals unerkannt und trauten sich kaum, laut zu werden.
Doch seit der Zeit von Pegida und der AfD, seitdem diese Gesellschaft gezeigt hat, dass Asylsuchende hier willkommen sind, seitdem kommen sie wieder raus aus ihren Verstecken und propagieren alte Parolen in neuem Gewand.
Schuld an allem sind natürlich diejenigen, welche hier Schutz vor Krieg und Verfolgung, vor Hunger und Not suchen. Sie wollen uns angeblich alles wegnehmen.
Mit diesem Argument schüren sie die Ängste in einem Teil der Bevölkerung. Und das gerade bei denen, die von Tarifverträgen profitieren, von einem Sozialsystem, das erkämpft wurde, und vielen anderen Annehmlichkeiten dieser Gesellschaft; aber sie wollen nicht hören, dass ihr Reichtum im Grunde dazu führt, dass andere auf der Welt arm sind.
„Wäre ich nicht arm, so wärst du nicht reich.“
Vor den neuen Entwicklungen haben viele Angst. Ob es die Digitalisierung der Gesellschaft oder die Globalisierung ist, man steht staunend vor der Veränderung, und viele können sich eine Welt von morgen kaum vorstellen.
Diese Ängste werden jetzt aufgenommen und kanalisiert. Aber statt zu fragen, warum es denn natürlich ist, wenn das Kapital und die Großunternehmen globaler werden und warum immer mehr Kapital gehortet wird, wird lieber Angst vor Fremden geschürt und jeglicher Wandel ignoriert oder abgelehnt.
Abstiegsängste und diese Sorgen müssen wir ernst nehmen. Aber es wäre falsch, jetzt einfache Lösungen zu suchen, wie es diese Rechtsextremisten tun, und ebenso ihre Steigbügelhalter, die sogenannten Rechtspopulisten, die sogar in unseren Parlamenten ihre menschenfeindlichen Parolen zum besten geben dürfen, unter dem Schutzmantel der Demokratie, die sie ablehnen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
man soll nicht glauben, dass sich hinter den Organisatoren der Märsche wirklich besorgte Bürger verbergen. Nein, es sind Nazis aus Herne und Umgebung, die hier versuchen, das ganze Klima des Wandels und der Angst für ihre menschen- und gesellschaftsfeindliche Propaganda zu missbrauchen.
Diese scheuen sich auch nicht vor Gewaltandrohungen, und wer sie erlebt hat, weiß, das ist nicht nur eine hohle Drohung. Dieser Personenkreis ist gewaltbereit und scheut nicht davor zurück, Menschen, die anderer Meinung sind, ihren Hass und Verachtung spüren zu lassen.
Hier ist ein breites Kreuz von allen gesellschaftlichen Gruppen gefragt, über demokratische Parteien, Sportvereine, die Kirchen und auch uns, die Gewerkschaften. Solidarität mit allen, die sich denen entgegenstellen und Mut zeigen. Meine Solidarität haben diese Menschen immer.
Meine sehr verehrten Damen und Herren
Sie und ihr steht hier und zeigt, dass nicht die sogenannten schweigende Mehrheit wirklich die Mehrheit ist, sondern dass diejenigen, welche dann als „Gutmenschen“ verunglimpft werden, viel mehr sind. Ja, es gehört Mut dazu, sich so gegen die Nazis zu stellen, aber dieser Mut ist in einer Demokratie unerlässlich. Demokratie ist ein Mitmachsport und kein Zuschauerspiel. Er lebt von engagierten Bürgern in den Städten und Gemeinden.
Und ich kann nur allen hier zurufen: Steht auf, haltet weiter durch. Keinen Fußbreit den Faschisten. Herne ist bunt und nicht braun, und ihr seid die Mehrheit!
„Es sind nicht die Faschisten in der Maske der Faschisten, die zu fürchten sind, es sind die Faschisten in der Maske besorgter Bürger, die zu fürchten sind.“
Ich darf Euch/Sie heute ganz herzlich im Namen des Herner Sozialforums begrüßen. Mein Name ist Franz-Josef Strzalka. Ich arbeite im Arbeitslosenzentrum Herne e. V. Ich vertrete die Katholische Kirche im Sozialforum und bin einer der vier Sprecher des Sozialforums.
Das Herner Sozialforum ist ein partei- und organisationsübergreifendes Bündnis bzw. Netzwerk unterschiedlicher Gruppen, Verbände, Parteien und Einzelpersonen. Das Forum hat sich zur Aufgabe gesetzt, soziale Fragen in den Blick zu nehmen und einen übergreifenden Austausch darüber zu ermöglichen. Neben Meinungsaustausch und Diskussion finden regelmäßig Aktionen und Veranstaltungen, wie z. B. Sozialkonferenzen, statt.
Man muss es immer wieder an diese Stelle zu Bewusstsein bringen. Bei denen, denen unsere Gegendemonstration gilt, handelt es sich nicht um Bürger, die besorgt sind. Den Kern derer, die dort laufen, bilden bekannte Neonazis, rechte Hooligans, rechte Rocker, Kampfsportler und Türsteher. Es geht im Endeffekt darum über Bürgerwehren und Vigilantismus auf Dauer eine rechtsradikale und gewalttätige Bewegung zu installieren bzw. zu reaktivieren. Flucht und Asyl wird zum Anlass genommen, offen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus zu propagandieren.
Das sei allen denen noch einmal deutlich gesagt, die glauben, dort mitlaufen zu müssen.
Die Forschung zeigt, der Kern von Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus ist Autoritarismus, ein Gefüge aus klaren Hierarchien, Befehl und Gehorsam und eng gefassten Regeln, wie z.B. harten Strafen, unnachgiebiger Erziehung.
Die Forschung, die sich mit Autoritarismus befasst, zeigt, wer nicht geliebt wird, der hasst. Wer nicht geliebt wird, fühlt sich unsicher und weiß nicht, wo sein Platz ist in dieser Welt. Wer nicht geliebt wird, hat keine innere Heimat. Wer nicht geliebt wird, weiß nicht wer er ist. Wer nicht geliebt wird, bildet keine Stärken aus.
Und der, der sich innerlich nicht stark fühlt, zeigt sich umso mehr nach außen stark, ist umso empfänglich für autoritäre Führung und Gefolgschaft. Für den, der Gewalt erfahren hat, sind Einschüchterung und Gewalt Mittel der Konfliktlösung.
Wer sich nicht stark fühlt, strebt nach Überlegenheit und Kontrolle.
Das was autoritäre Führer und autoritäre Gefolgschaft eint, sind Abwertung und Vorurteile gegenüber denen, die nicht zur eigenen Hierarchie gehören – Fremde, Migranten, Juden, Wohnungslose, Homosexuelle, auch Frauen.
Sich stark machen, die eigenen Person aufwerten auf Kosten der Abwertung anderer, das ist die Dynamik, die sowohl für den Neo-Nazi in Springerstiefeln als auch den rechtspopulistischen Politiker gilt.
Jetzt kann man einwenden. Was interessiert mich die Psychologie der Täter?
Damit ich nicht falsch verstanden werde. Es geht nicht etwa um Verständnis oder gar Entlastung von Schuld, keinesfalls, sondern um Verstehen und Begreifen von etwas, das sich in Europa, aber auch darüber hinaus in beängstigende Weise verbreitet.
Mediziner wissen: Man muss eine Krankheit sehr genau kennen, um zu wissen, ob sie ansteckend ist, falls sie ansteckend ist, wie sie sich verbreitet, ob sie zur Epidemie wird, wer im Einzelnen in erster Linie von ihr befallen wird. Von daher kann es hilfreich sein, ist es möglicherweise unerlässlich zu begreifen, wer warum hetzt und pöbelt, sich rechtspopulistisch aufstellt oder rechtspopulistisch wählt.
Man kann sich ferner fragen:
Wie konnte der weltweite Rechtsruck entstehen? Warum keimt der Rechtspopulismus gerade jetzt auf? Und wie können wir ihn aufhalten? Also, wie kommt es zur Epidemie, und was können wir machen, wie können wir sie eindämmen?
Dass wir hier zusammenstehen und demonstrieren, ist ein ganz wichtiger Schritt, ein wichtiges Zeichen.
Aber es ist mehr notwendig.
Rechtspopulismus und autoritäre Strukturen finden ihren Nährboden in einer für viele unsicher gewordenen Welt. Da ist die Globalisierung mit ihren Folgen, die Digitalisierung, die Umbrüche in der Arbeitswelt, die Verdichtung der Arbeit, Arbeitslosigkeit, unsichere Arbeitsverhältnisse, prekäre Beschäftigung, die Verlagerung von Macht auf anonyme Märkte. Und nicht zuletzt ist da das neoliberale Modell, das die persönliche Absicherung viel stärker zu einer Sache der Eigeninitiative macht.
Die alten Fragen stehen im Raum: Wer sichert mich? Wo ist mein Platz in dieser Gesellschaft?
Die Fragen belasten vor allem die, die in der globalisierten Welt weniger gute Karten haben, die nicht mehr gefragt sind. Für sie kann das Versprechen von kleineren, sicheren Einheiten, klaren Grenzen, von Heimat verlockend sein.
Die nicht mehr Gefragten sind häufig auch die nicht mehr gehörten.
Für die nicht mehr Gehörten kann es attraktiv sein, wenn dann endlich doch der vermeintliche „Wille des Volkes“ gehört wird.
Wer gesellschaftlich nicht gehört wird, politisch sich nicht mehr vertreten fühlt, dem bedeutet möglicherweise auch die Demokratie nichts mehr. Warum noch zur Wahl gehen? Oder jetzt doch zur Wahl gehen und den Mächtigen, die sowieso nur ihr Ding machen, einen Denkzettel verpassen?
Wer nicht gehört wird, wird hörig.
Es ist eigentlich unglaublich, dass mit einem Mal die Demokratie infrage gestellt wird. Noch vor einigen Jahren wäre dies völlig absurd gewesen.
In den Vereinigten Staaten spricht der Rechtspopulist Trump angesichts eines möglichen Amtsenthebungsverfahrens von „Landesverrat“ und „Bürgerkrieg“.
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dürfen nie zur Disposition stehen. Das Recht kann nicht jeder in seine eigene Hand nehmen. Gewalt ist nicht das Mittel, um gesellschaftliche Probleme zu lösen.
Die Wahrheit ist nicht im Besitz eines einzelnen oder einer Gruppe. Demokratischer Diskurs und Kompromiss sind unverzichtbar.
Die Hard-Core-Nazis und Rechten sind wahrscheinlich nicht mehr zurückgewinnen oder zu überzeugen. Wir werden sie nicht als Ersatzeltern in eine offene, bunte Gesellschaft zurücklieben können. Eine rationale Debatte mit Nazis, Rassisten oder hate groups zu führen, würde bedeuten ihnen zu viel Respekt zu erweisen. Hier muss die demokratisch-rechtsstaatliche Gemeinschaft konsequent rechtsstaatlich handeln.
Darüber hinaus können wir aber den Rechtspopulisten das Terrain streitig machen, den Boden entziehen, indem wir uns für eine bessere Gesellschaft, für eine bessere Welt einsetzen. Hass, Vorurteil, Intoleranz und Gewalt dürfen keinen Nährboden bekommen. Wir können, um im Bild der Medizin zu bleiben, Bedingungen schaffen, die der Ausbreitung der Epidemie entgegenwirken. Wir können für eine Welt kämpfen, in der die Vernunft Maßstab ist und die Losung von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ anstelle des Gesetzes des Stärkeren steht.
Eine Welt der Aufklärung, eine Welt, in der wir wieder um Fakten ringen und den Andersdenkenden nicht mit dem Schlagwort „Fake News“ mundtot machen.
Wir können für eine bessere Welt kämpfen, für eine anständige Welt, die der Jugend eine Zukunft und den älteren Menschen Sicherheit gewährt, an der jeder durch gute auskömmliche Arbeit an der Gesellschaft mitwirken kann. Die der Andersartigkeit mit Toleranz begegnet.
Wir sind durch unsere Smartphones kommunikativ miteinander vernetzt, aber sind es auch unsere Herzen? Wir sprechen zu viel, aber wie viel fühlen wir? Roboter arbeiten und denken für uns. Demnächst treffen sie für uns Entscheidungen und pflegen uns, wenn wir alt sind. Wir werden immer schneller, aber kommen wir auch innerlich mit? Wir müssen darauf achten, dass unsere Möglichkeiten uns nicht eitel, kalt und hart werden lassen. Vor künstlicher Intelligenz, Bilanzen und Börsenkursen kommt immer Menschlichkeit, Toleranz und Güte. Wir müssen darauf achten, dass die Habgier nicht das Gute in uns verschüttet. Untersuchungen zeigen, dass der Mensch nicht des Menschen Wolf ist, wie es uns häufig eingeredet wird. Wir sind besser als es häufig den Anschein hat. Wir sind eigentlich kooperativ und hilfsbereit. Auf dieser Welt ist genug für jeden.
Armut, Arbeitslosigkeit und unsichere Arbeitsverhältnisse machen körperlich krank, depressiv, hoffnungslos und verkürzen das Leben. Wir müssen uns fragen, wo wir unter dem Schlagwort Eigeninitiative, Menschen unsere Solidarität vorenthalten? Wir müssen gut bedenken, wie viel Konkurrenz wir unseren Kindern in der Schule zumuten. Anerkennung und Auszeichnung bekommen in unserem Bildungssystem vor allem jene, dieses zeigen die PISA-Ergebnisse, die bereits vom Leben mit dem richtigen Elternhaus bestens ausgestattet sind. Was machen wir aber mit den Familien, die nicht mit den Ressourcen ausgestattet sind, die für eine gelungene Kindheit nötig sind?
Die Fragen bleiben: Wer sichert mich? Wo ist mein Platz?
Wir müssen Eigeninitiative, Konkurrenz und Auslese sehr besonnen überdenken.
Wir haben uns hier mit Gottesdienst und Kundgebung zu einem wirklich bunten, demokratischen Bündnis zusammengefunden. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Weltanschauung, die nicht immer die gleiche Meinung teilen, stehen hier heute wieder zusammen, um ein deutliches Zeichen gegen Intoleranz, Demokratiefeindlichkeit und Gewalt auszusenden. Es gut über den eigenen Schatten zu springen, um Mauern, die voneinander trennen, einzureißen.
Stellen wir uns konsequent den Rechtsradikalen entgegenstellen, und lasst uns daran arbeiten, ein politisches und soziales Klima der Integration zu erzeugen, das vorhandene Stigmatisierungs-, Etikettierungs- und Ausgrenzungstendenzen nicht verstärkt, das dem vermeintlich Schwächeren und auch dem Fremden Platz und Gehör in der Gesellschaft bietet. Das den Rechten den Sumpf trocken legt, dass die Krankheit, die tödlich sein kann, im Keim erstickt.
Ohne Menschlichkeit, Nächstenliebe, Gewaltfreiheit und Gemeinschaftssinn ist unser Dasein nicht lebenswert. Beim Evangelisten Lukas heißt es: „Gott wohnt in jedem Menschen“. Also nicht in einem oder einer Gruppe von Menschen. Wir müssen den Blick auf das Wesentliche richten. Zu lieben lernen. Zu leben lernen. Solidarität üben. Den Gemeinsinn fördern.
Die AfD hat das geistige Klima geschaffen, in dem Spaziergänge besorgter Bürger, wie wir sie heute hier und anderswo erleben, schamlos möglich sind.
Wir sollten aber mit Blick auf die AfD nicht übersehen: Auch wenn Nazis und Rassisten demokratisch gewählt werden, bleiben sie immer noch Nazis und Rassisten.
Insofern möchte ich zum Schluss Theodor W. Adorno zitieren. Er sagt:
„Ich fürchte nicht die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“
Und man könnte Adorno aktuell ergänzen: Es sind nicht die Faschisten in der Maske der Faschisten, die zu fürchten sind, es sind die Faschisten in der Maske besorgter Bürger, die zu fürchten sind.
Danke für Eure Aufmerksamkeit und nochmals Dank, sofern ich das überhaupt sagen darf, für Euer Kommen.