Schlagwort: Redebeitrag

  • Jacob Liedtke auf der Kundgebung

    Alle Miteinander.

    Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

    liebe Bürgerinnen und Bürger dieser wunderbaren Stadt – die uns auch alle oft genug zur Verzweiflung treibt,

    als Bürger:innen, im ureigentlichen Sinne des Wortes, haben wir uns heute einmal mehr gemeinsam hier auf dem Robert-Brauner-Platz eingefunden. Alle Miteinander. Uns eint das Gefühl, dass es nicht unwidersprochen bleiben darf, wenn auch nur die kleinste Gruppe demokratieverachtender Zeitgenoss:innen sich anschickt, sich unsere Straßen und unsere Plätze zu nehmen, um Desinformation, Verschwörungsglaube, um bequeme Schuldzuweisungen am Zustand der Welt, um Hass und Hetze auf ihnen zu verbreiten. Egal, welche schräge Ideologie sie antreibt. Uns eint, dass wir es als Bürger:innen für unsere Pflicht und unsere besondere Freiheit halten, sich in die öffentliche Debatte um Grundwerte unseres Zusammenlebens einzumischen, sich überhaupt einmischen zu können – und für diese Grundwerte zu streiten. Das alles mag nun vielleicht zunächst etwas zu sehr nach Sonntagsrede klingen, nach etwas Trivialem, Selbstverständlichem. Aber es fasst den Kern dessen zusammen, was ich heute hier sagen möchte und was ich für alles andere als selbstverständlich halte.

    Wieso stehen wir hier – wieso glauben gleichzeitig aber so viele Menschen in dieser Stadt und im gesamten Land an eine herbeiphantasierte „Corona-Diktatur“ – und wieso bleiben viele Menschen zu Hause und mischen sich nicht ein?

    Fest steht: Gelitten haben wir alle an den inzwischen fast zwei Jahren pandemischen Ausnahmezustandes. Ich finde es deswegen auch zunächst vollkommen richtig, darüber zu sprechen, wer welche Erfahrung mit dieser Krise gemacht hat und wo potentiell gemeinsame Interessen liegen, Dinge ab jetzt und im Anschluss an die Krise zu verbessern.

    Ich persönlich war oft genug gestresst, habe mir Sorgen gemacht – vor allem um meine Liebsten, war oft genug müde und konnte mich angesichts der ganzen Coronaschwierigkeiten oft genug nicht von der Couch schälen. Dabei habe ich es aber noch ganz gut getroffen, ich konnte zum Gutteil von zu Hause arbeiten, musste mich nicht um meine ökonomische Existenz sorgen und betrachte mich deshalb als ziemlich privilegiert. Schwieriger waren die letzten zwei Jahre für das medizinische Personal, Erzieher:innen, Lehrer:innen und Eltern. Und natürlich für die Kinder und Jugendlichen selbst, die sich weiter der schulischen Leistungslogik unterwerfen mussten, ohne Gelegenheit zu Ausgleich, Ausbruch und Vergnügen in der Freizeit. Es ist weiterhin verdammt schwierig für Arme, für Menschen, die nicht in sichere soziale Gefüge eingebunden sind, für alle, die Rassismus und Antisemitismus erfahren müssen, für Menschen mit Behinderung, Kranke und Alte, die sich zurückziehen mussten, Frauen, die noch mehr Care-Arbeit leisten mussten als sonst, Sexarbeiterinnen, viele Menschen in prekären Berufen, viele Selbstständige, Gastronom:innen, Künstler:innen und so viele mehr. Sie alle aufzuzählen, wäre an dieser Stelle überhaupt nicht möglich. Aber auch, um allen Gruppen eine Stimme zu geben und einen Raum zu öffnen, in dem Betroffenheit und politische Forderungen artikuliert werden können, stehen wir hier und gibt es das Bündnis Herne.

    Aber wieso verhalten wir uns jeweils – also wir hier, die selbsternannten Querdenker:innen und die Menschen, die zu Hause bleiben – gegenüber diesen vielen geteilten Gründen für Unbehagen und auch reales Leid politisch so grundsätzlich anders?

    Ich glaube, der Grund für alle drei Gruppen liegt in der Art, wie wir dem Zustand dieser Gesellschaft jeweils politisch gegenübertreten, und er liegt unter dem großen Einfluss einer bedenklichen politischen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklung: Große gesellschaftliche Debatten um eine bessere Einrichtung dieser Welt werden aktuell nicht mehr ernstlich geführt, politische Unterschiede zwischen den Parteien sind zwar weiterhin deutlich, aber zu häufig auch marginal, es gibt kaum Institutionen im politischen und vorpolitischen Raum, die noch über eine große Bindungskraft verfügen, neoliberale Selbstoptimierung und der zugrundeliegende ökonomische Zwangszustand vereinzelt uns, und es wird uns seit Jahren und Jahrzehnten auf unterschiedliche Weise eingehämmert, dass wir doch alle die Schmied:innen unseres Glückes sein. Die Pandemie und das sogenannte „Social Distancing“ waren nochmals Öl ins Feuer dieser Vereinzelung. Das haben wir bereits bei unserer Onlinetagung „Corona und die Stadtgesellschaft“ im Dezember 2020 diagnostiziert. Es darf daher nicht verwundern, wenn einige in ein regressives „Ich, Ich, Ich“, in Trotz und in Überhöhung der ureigenen Partikularinteressen verfallen.

    Wir aber stehen heute hier einmal mehr gemeinsam auf dem Robert-Brauner Platz. Das ist der erste Schritt, um Vereinzelung und Egoismus zu überwinden und für eine solidarische Lösung offener politischer Fragen zu streiten. Vor einigen Wochen habe ich bei der Begrüßung zu einer unserer Kundgebungen kurz von der Kraft von Symbolen gesprochen, ich habe daran erinnert, wie zu Beginn der Pandemie von Balkonen musiziert wurde, wie Einkaufshilfen organisiert wurden, und wie man im Angesicht einer bisher ungekannten Bedrohung zusammengerückt ist. Ich bleibe dabei, diese Symbole und kleinen Gesten sind weiter notwendig. Aber allein reichen sie nicht. Ein dauerhaftes Überwinden unerträglicher Zustände, von Ungerechtigkeit und neoliberalem Vereinzelungsdenken, gibt es nur in der dauerhaften Organisation und der konsequenten politischen Arbeit.

    Ich will deswegen nochmals
    Danke
    dafür sagen, dass eine große Zahl Herner Bürger:innen Woche für Woche am Willi-Pohlmann-Platz, am Europaplatz und hier auf dem Robert-Brauner-Platz ein Zeichen setzen für die demokratische Gesellschaft. Ich will aber auch sagen: Zieht Kraft aus diesem Zeichen und geht weiter, bringt euch in Strukturen ein, kämpft in Parteien, Gewerkschaften, Betriebsräten, Vereinen und Initiativen dauerhaft für eure Interessen und für politische Veränderung.

    Bei alledem aber ist natürlich aber das Wichtigste, dass ihr auf euch Acht gebt. Versucht weiterhin, den Kopf oben zu halten in diesem ganzen Corona-Chaos. Tut so oft wie möglich Dinge, die euch guttun, erkennt eure eigenen Grenzen und investiert die Kraft, die ihr jeweils investieren könnt, in das Eintreten für die Dinge, die euch wichtig sind.

    Also: Achtet auf euch, achtet weiterhin aufeinander. Bleibt gesund! Und organisiert euch.

  • Regenschirme vor dem Shoa-Mahnmal in Herne

    Schützt das Shoah-Mahnmal gegen jeden Antisemitismus!

    Wir, die Schirme gegen Rechts und das KAZ , sind eine politische, antifaschistische Gruppe von ganz unterschiedlichen Menschen.

    Wir stellen uns, genau wie das Bündnis Herne, dessen Teil wir sind, gegen jegliche Diskriminierungen, besonders, wenn es um Rassismus & Antisemitismus in unserer Stadt geht. Wir leben und wollen eine solidarische Gesellschaft.

    Seit diese sogenannten „Spaziergänge“ stattfinden, stellen wir uns schützend vor das Shoah-Mahnmal am KUZ, auf dem Willi-Pohlmann-Platz. Hier unser Statement dazu:

    In diesen schweren Zeiten keimt in den Reihen von Verschwörungsideolog:innen, Leerdenker:innen und anderen Merkbefreiten ein altbekannter Antisemitismus, in neuen Kleidern auf.

    Perfide Geschichtsverdrehung, Realitätsverweigerung und absurde Vergleiche mit der Shoa gehen Hand in Hand und sind ein Schlag ins Gesicht der Opfer.

    Weshalb wir, die Schirme gegen Rechts, uns veranlasst sehen, das Mahnmal vor Übergriffen, Schmähungen und Zerstörung zu schützen.

    Wir wollen ein Zeichen setzen, gerade im Hinblick auf die unsägliche Gruppe der Spaziergänger:innen, die seit ein paar Wochen lautstark, samstäglich durch unsere Straßen ziehen.

    Wir wollen zeigen, dass wir Menschen sind, die eine wehrhafte Demokratie vertreten.

    Wir wollen hierbei eher leise und zurückgenommen sein.

    Das Mahnmal, welches für die Abermillionen ermordeter, gefolterter, vergewaltigter Menschen steht, soll uns ein ewiges Gedenken sein, dass so etwas NIE WIEDER stattfinden darf!

  • Jörg Höhfeldt (Der Schorsch aus Baukau) auf der Kundgebung

    Schorsch aus Baukau: 4G: getestet, geimpft, geboostert, genervt

    Tach, ich bin der Schorsch aus Baukau,
    heute 4G:
    Ich bin getestet,
    ich bin geimpft,
    ich bin geboostert
    und ich bin genervt.

    Genervt von zwei Jahren Corona Virus, genervt aber vor allem, weil wir hier wieder jede Woche auf dem Platz stehen müssen, schließlich wollen wir den Covioten nicht das Feld überlassen.

    An der Stelle sagen manche, Covioten solle man nicht sagen. Ich sag: Das ist ne Tatsachenbehauptung, die ist im Rahmen der Meinungsfreiheit erlaubt. Ich will auch sagen warum.

    Ich habe mir angehört, was aus den Lautsprechern der Coronaleugner kommt. Nur zwei Beispiele: Da ist von „Impfgift“ die Rede, das heißt, der Impfstoff, der Millionen Menschen vor schwerer Krankheit und viele auch vor dem Tod geschützt hat, wird als Gift bezeichnet. Und dass die Kinder in der Schule Masken tragen müssen, wird als „Verbrechen“ bezeichnet. Und die Verantwortlichen würden später „zur Rechenschaft gezogen“. Dabei wissen wir ja, dass gerade die Zahl der infizierten Kinder immer höher steigt, auch bei uns in Herne. Wer so was per Lautsprecher verbreitet, ist für mich ein Coviot. Das wird man ja in Deutschland wohl noch mal sagen dürfen.

    Und die anderen? Die Besorgten? Die haben selbstverständlich ein Recht auf Meinungsfreiheit, ein Recht auf Demonstrationsfreiheit, aber das ist noch lange kein Grund, mit den Faschisten mitzulaufen. Und Leute, die abends mit Fackeln „spazieren“ gehen und dabei vor Privatwohnungen von Politikern und Politikerinnen aufmarschieren, die nerven nicht nur, die sind gemeingefährlich.

    Ich bin genervt von dem ganzen Mist, der auf Telegram verbreitet wird, von Hass und Hetze. Von Morddrohungen gegen Wissenschaftler und Politikerinnen. Und mehr als genervt bin ich davon, dass in Herne die Pfarrerin Melanie Jansen Morddrohungen bekommen hat. Da ist die „deadline“ überschritten, im wahrsten Sinne des Wortes. Da geht es nicht mehr um Argument und Diskussion, das ist ein Fall für Polizei und Justiz.

    Warum ich so genervt bin, will ich am Beispiel der Masken klarmachen. Als es noch gar keine Masken gab, hat sogar das Robert-Koch-Institut gesagt, dass Masken nicht viel nützen. Dann hieß es auf einmal, Einfachmasken schützen doch. Dann wurden überall diese Stoffmasken genäht. Andere gab es ja noch nicht. Da mussten sich erst ein paar Bundestagsabgeordnete Verdienste drum erwerben, also viel damit verdienen. Dann mussten wir alle Masken tragen, sogar hier auf der Bahnhofstraße. Jetzt sagen alle Expertinnen und Experten, dass FFP2-Masken am besten vor Omikron schützen. In Berlin und Brandenburg muss man in Bussen und Bahnen FFP2-Masken tragen, in Nordrhein-Westfalen nicht. So viel zur Bundeseinheitlichkeit. Hier wird es von der Landesregierung nur dringend empfohlen. Ja, ist denn das Berliner Virus anders als das NRW-Virus? Oder hat die Landesregierung keinen Arsch in der Hose? Entweder es ist so wichtig, dann muss es Pflicht sein. Oder es ist doch nicht so wichtig. Das nervt.

    Ich könnte noch viele andere Beispiele aufzählen. Wenn ich von den Schulen anfangen würde -fehlende Luftfilter, Homeschooling, verspätete Testergebnisse usw. – dann ständen wir noch heute Abend hier. Dann wärt ihr genervt.

    Aber einen hab ich noch zum Schluss. Ist nicht von mir, ist ein Zitat, nur falls hier Plagiatsjäger auf dem Platz sind. „Wenn du glaubst, dass der Impfstoff deine Erbanlagen verändert, wenn du das wirklich glaubst, dann solltest du das als Chance für dich begreifen.“

    Bis die Tage. Bleibt gesund!

    Der Schorsch aus Baukau (Jörg Höhfeld)

  • Stephan Kruecken (Ankerherz Verlag)

    Ich kann Berichte über Querdenker nicht mehr hören

    ch kann Berichte über Querdenker, „Spaziergänger“ und das Gelaber über „milde Verläufen“ nicht mehr hören…  Mehr als 115.000 Menschen haben sich in den letzten 24 Stunden in Deutschland mit Corona infiziert. 239 sind daran gestorben, eine Zahl, die kaum noch jemanden zu interessieren scheint. Das ist so, als nähme man das tägliche Unglück einer Boeing-777 nonchalant zur Kenntnis.

    239 Tote? Wie gut, war ja ein milder Absturz!

    „Milde“ seien die Omikron-Verläufe, liest man, „wie ein Grippe“, was von Querdenkern und Spaziergängern ebenso gefeiert wird wie Spaniens Ministerpräsident, der trotz einer Rekord-Belegung der Intensivstationen und Inzidenzwerten von einer „Grippalsierung“ von Covid-19 spricht.

    Eine neue Studie der Universität von Oxford* beschreibt, wie stark die kognitive Leistung von Corona-Kranken auch nach „milden Verläufen“ auch Monate nach der Infektion eingeschränkt ist. Wie viele Spitzensportler, Fußballer und Tennisspieler, also kerngesunde junge Menschen, leiden aktuell unter Spätfolgen wie Herzmuskelentzündungen**? Wer weiß eigentlich, welche Langzeitschäden in einigen Monaten auftauchen?

    Wissenschaftler und die WHO*** beklagen eine Verharmlosung der Omikron-Variante, was den politischen Arm der Querdenker von AfD bis Wolfgang Kubicki natürlich null schert. In den Telegram-Gruppen heulen die Wölfe unter ihren wilden Wikinger-Memes, die noch immer nicht Manns genug sind, sich für ein paar Minütchen am Tag eine Maske ins Gesicht zu spannen.

    Sind es nicht ihre „Spaziergänge“, die nun dazu führen, dass die Maßnahmen heruntergefahren werden? Und Impfen werden sie sich nun erst Recht nicht – im vollkaskoversicherten Wellness-Widerstand gegen den bösen Chipper Bill Gates und das Merkel-Regime haben sie doch schon ganz anderes ausgehalten! In der Schule meiner Kinder hoffen durchgeknallte Eltern derweil darauf, dass sich ihre Kinder nun zügig anstecken, damit sie „ganz lange immun sind“.

    Ist doch alles so mild wie dieser Winter! Wir warten auf die nächste Virus-Variante, die sich mangels Impfbereitschaft entwickeln wird, vielleicht aber die Ansteckungsgefahr von Omikron mit der Gefährlichkeit von Delta kombiniert.

    Wenn das alles nicht so bedrohlich, so maximal nervend und gleichzeitig so zermürbend wäre – ich würde wirklich gerne darüber lachen. So aber kommt es mir so vor, als ob dieser Alptraum nie ein Ende hat.

    Wir taumeln weiter durch diese Pandemie. Mit einer Lernkurve, so flach wie ostfriesisches Watt.

    Stefan Kruecken

    Ankerherz Verlag

    www.facebook.de/ankerherz

    Radio Ankerherz – Helgoland – Die Welle zum Meer

    *
    Wie mild ist ein milder Omikron-Verlauf wirklich? Das sagen Ärzte

    **
    Aubameyang und Davies können nicht spielen

    ***
    WHO: Omikron könnte noch gefährlichere Varianten entstehen lassen

    Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Stefan Kruecken,
    Ankerherz Verlag.

  • Rednerin des Bündnis Herne zu Telegram

    Telegram: Radikalisierungspotential auch in Herne

    Letzte Woche lief ein Mann mit einem Plakat mit der ungefähren Aufschrift „Ich bin gegen 2G und Impfflicht – nicht gegen das Impfen“ durch die Herner Innenstadt und ich dachte mir: Hey, das ist doch ne Position, die man auch vertreten kann. Da kann man doch auch drüber diskutieren.

    Der Mann lief neben einer Box her, aus der eine Durchsage kam, die von „einer erfundenen Pandemie“, „Maulkorbzwang als Unterwürfigkeitssymbol und Impfgift“ warnte. Das war der Moment, an dem ich meine Gedanken von zuvor wieder über den Haufen werfen musste. Wie können denn diese Aussagen miteinander vereinbart werden? Das ist doch widersprüchlich.

    Der Grund dafür, dass solche total unterschiedlichen Menschen als Leugner:innen, Maßnahmenverweiger:innen, Querdenker:innen oder was auch immer, hier gemeinsame Sachen machen, ist die dezentrale Mobilisierung durch Telegram.

    Ich denke nicht, dass es noch viel zu dem Messenger-Dienst Telegram zu sagen verlangt. Einst bekannt dafür, einen sicheren Kommunikationsweg für Oppositionelle in Ländern wie Weißrussland oder China zu bieten, kennen wir spätestens seit Namen wie Attila Hildmann und Michael Wendler auch eine andere Seite von Telegram. Aber was ist nun wirklich wichtig zu wissen? Telegram benötigt nur eine ganz niedrige Internetleistung, blockiert für alle Nutzerinnen und Nutzer die Handynummer und bei Bedarf ist alles, was du teilst und liest, sehr schnell wieder gelöscht – die App ist somit einfach zu handhaben, gewährt Anonymität und eine Art Sicherheit.

    Hier sorgt es allerdings dafür, dass ungefiltert Falschmeldungen, antisemitische, rassistische oder gewaltverherrlichende Inhalte im Umlauf sind. Bekannte Verschwörungstheoretiker können ungestört und ohne viel Aufwand ein breites Publikum erreichen und ihre Kanäle im Minutentakt mit ihren Inhalten befüllen.

    Dass sich binnen kürzester Zeit bundesweit für so viele Städte Gruppen wie die heute erneut laufenden Maßnahmenverweiger:innen gefunden haben, liegt an der Mobilisierung durch die rechtsextreme Kleinpartei „Freie Sachsen“. Im letzten Jahr haben sich bundesweite Ableger gebildet, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren – für Herne liegt die Verantwortung dann bei den „Freien Nordrhein-Westfalen“. Von ihnen kamen die landesweiten Termine für die sogenannten „Spaziergänge“, von ihnen kommen explizite Handlungsanweisungen für die Teilnehmer:innen dieser Veranstaltungen und von ihnen kommen auch Rechtsbeistand im Falle rechtlicher Konsequenzen. Sie entscheiden, was in den Telegram-Gruppen gesagt werden kann und was nicht, wer spricht und wer nicht und liefern regelmäßige Texte, die die Leser:innen anheizen sollen. So schreiben sie wortwörtlich, dass ihre Veranstaltungen „niemals hinterfragt werden“ dürften und man sich ein Beispiel an den Dynamiken in den ostdeutschen Bundesländern nehmen solle, da dort noch keine langfristige „Umerziehung“ der Bürger stattgefunden habe.

    Ich habe schon erwähnt, dass Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Haltungen in diesen Gruppen zusammenfinden.
    Allerdings sind auch keine Abgrenzungsmechanismen zu gewaltbereiten, rassistischen, oder verschwörungstheoretischen Inhalten zu erkennen. Ich habe heute Zitate aus diesen Gruppen mitgebracht, die ich jetzt vorlesen werde. Dabei bitte ich Sie alle, ein permanentes Anführungszeichen über meinen Kopf zu setzen:

    So fragt ein Nutzer: „Was ist falsch daran ein Deutscher zu sein mit dieser großen Geschichte nur weil eine kleine Zeit ein Fehlverhalten der Regierenden war?“, während andere den Impfstoff als „Gift“, „Angriff auf die DNA“ oder als krude Analogie zu dem Giftgas aus den Gaskammern der Nazis als „Zyklon C“ bezeichnen.

    Corona sei bloß „Scheinpandemie“, eine „Lüge der Eliten“, um den „Great Reset“ und eine „New World Order“, also eine neue Weltordnung herbeizuführen, in der die Mächtigen noch mehr Macht und die einfachen Bürger:innen nichts mehr haben. Mit dahinter stecken demnach nicht nur Politiker:innen, sondern auch Ärzt:innen, die Pharmaindustrie und ja, auch das Freimaurertum habe seine Hände im Spiel – im Großen und Ganzen geht es dabei aber um eine angebliche Unterdrückung durch die wohlhabende Schicht. Nicht selten werden hier die Rothschilds oder eine sogenannte Finanzelite genannt. Dabei sehen sie sich als die Unterdrückten und setzen sich mit den Juden und Jüdinnen zur Zeit des Nationalsozialismus gleich. „Genau sowas gab es in Deutschland schon mal. Die Menschen separieren und dann still und mundtot machen und dann verschwinden lassen.“ Ich sage: Wer derartige Parolen befeuert und unterstützt, kann sich von der Verharmlosung der Shoa und von Antisemitismus nicht mehr freimachen!

    Gemeinsam wollen sie auch als „die Erwachten“ den Umschwung, die Revolution herbeiführen. „auch wenns mit Gewalt ist anders geht es ja anscheinend nicht“ / „Wann wird es Zeit für den Generalstreik und Masken verbrennen?“ / „Vorbereitung zur Übernahme?“

    Für die Zeit danach kündigen sie an, dafür zu sorgen, dass alle sogenannten „Täter der Corona-Diktatur“ vor Gericht „die Abrechnung“ erhalten würden – hierzu zählen sie nicht nur Politker:innen, Ärzt:innen und Teile der Polizei, sondern auch einfach diejenigen, die sich gegen sie stellen.

    Nach solchen Aussagen muss ich erst einmal durchatmen.

    Das Radikalisierungspotenzial sowie die Gewaltbereitschaft in den Telegramgruppen, die hinter diesen Corona-Demonstrationen stecken, sind enorm. Sie stellen eine deutliche Gefahr für unsere Demokratie dar. Aber ich möchte auch festhalten: Auch wenn man als einfacher Bürger, der unzufrieden mit der Corona-Politik ist und Gleichgesinnte gesucht hat, in dieser Gruppe ist und mitliest, dann gilt es, sich von derartigen Äußerungen zu distanzieren. Es muss klar sein, dass hier eine klare Abwendung von demokratischen und rechtstaatlichen Grundprinzipien zu beobachten ist, gegen die wir uns stellen müssen. Denn die Grenze ist wirklich überschritten. Die
    Drohungen gegen die Herner Pfarrerin Melanie Jansen sind die Folge derartiger Telegram-Parolen.

    Ja, es ist auch für viele Menschen, die heute hier stehen, keine leichte Zeit. Nicht alle sind mit allen Punkten in der Politik einverstanden, viele haben Ängste und Zweifel, sind verunsichert. Aber lasst uns doch darüber sprechen und, wenn auch vielleicht etwas heftiger, darüber diskutieren, denn das ist Demokratie:

    Mitmachen. Mitreden. Miteinander!

  • Cordula Vordenbäumen (Bündnis Herne) auf der Kundgebung

    Warum stehen wir heute hier auf dem Robert-Brauner-Platz?

    Und am Shoah-Mahnmal und vor der Kreuzkirche?

    Ok, der Anlass ist bekannt: Die Demonstration der immer noch namenlosen Gruppierung vor dem Rathaus.

    Nur damit wir uns richtig verstehen: Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut. Es gilt selbstverständlich für Menschen mit den unterschiedlichsten Themen und Ansichten. Es ist nicht das Ziel des Bündnis Herne, andere, Meinungen zu unterdrücken. Die gilt es in einer Demokratie auszuhalten.

    Allerdings beinhaltet die Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht den Anspruch auf Widerspruchsfreiheit. Den Widerspruch gilt es dann natürlich genau so auszuhalten, das gehört zur Demokratie nämlich auch dazu.

    Was genau erregt aber nun unseren Widerspruch?

    Die Demo am Rathaus steht unter dem Titel „Zusammenhalt statt Spaltung – Für Grundgesetze und Freiheit, gegen Zwang und die Ausgrenzung von jeglichen Angeboten des Lebens“.

    Sie richtet sich gegen „2G“, gegen die Verknüpfung des Impfstatus mit der Gewährung von Grundrechten, es geht auch um den Schutz der Kinder „vor Übergriffen des Staates“ und gegen die Impfpflicht.

    Sicher sind dies für sich genommen Themen, zu denen man unterschiedliche Positionen haben und die man im Rahmen einer politischen Versammlung im öffentlichen Raum vertreten kann.

    Wer unsere jüngsten Veröffentlichungen (z.B. den aktuellen
    Flyer) gelesen hat, weiß:

    Wir sind ganz sicher keine unkritischen Verfechter:innen aller bisher verhängten Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie. Zu diesem Thema gibt es innerhalb des Bündnis Herne ganz unterschiedliche Ansichten, und das ist auch gut und richtig so!

    Insofern stehen wir hier ganz sicher nicht als „Maßnahmenbefürworter“ gegen „Maßnahmengegner“ – ich finde dieses Begriffspaar ohnehin furchtbar, aber dazu vielleicht bei anderer Gelegenheit mehr.

    Es kann auch gar nicht die Aufgabe des Bündnis Herne sein, für oder gegen bestimmte Maßnahmen einzutreten, auch wenn wir die Impfung grundsätzlich als Akt der Solidarität betrachten.

    Unser Thema ist wie schon 2019/2020 auch jetzt wieder der Schutz unserer Demokratie.

    Denn: So harmlos, wie die Demo vorm Rathaus sich gibt, ist sie nicht.

    Unter dem Deckmantel des „kritischen Hinterfragens“ wird nämlich einfach pauschal alles Mögliche in Frage gestellt, und wo man schon mal dabei ist, das ganze System gleich mit.*

    Die Ablehnung der Impfpflicht wird im Aufruf zur Demo z.B. damit begründet, dass „die Substanzen noch nicht hinreichend erprobt“ seien. Im Zusammenhang mit dem Schutz der Kinder werden diese Substanzen als „experimentell“ bezeichnet.

    Daraus spricht mindestens ein massives Unverständnis für die Prozesse bei der Entwicklung eines Impfstoffs wie auch ein großer Unwille, sich mit den zugegeben komplexen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Dies setzt sich bei anderen komplexen Zusammenhängen fort.

    Viel bedenklicher ist aber aus unserer Sicht das, was sich im Hintergrund dieser Demos abspielt:

    Die Organisation erfolgt weitgehend in entsprechenden lokalen Kanälen auf Telegram; die Diskussionen sind z.T. öffentlich einsehbar – dort findet sich eine erschreckende Melange aus Politikverdrossenheit bis hin zu einem tiefen
    Demokratiemisstrauen, gepaart mit einem sehr egoistischen Freiheitsbegriff, alles vor dem Hintergrund einer wilden Mischung von Falschmeldungen und
    Verschwörungserzählungen.

    Das erleben wir auch in Diskussionen, die sich am Rande der Demonstrationen (samstags) und „Spaziergänge“ (montags) ergeben: Es wird z.B. von „absichtlichem An-die-Wand-fahren der Wirtschaft“ schwadroniert, andere Menschen brauchen keine drei Sätze, um von der Ausgrenzung Ungeimpfter zur Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich zu gelangen.

    Und da haben wir noch nicht einmal über das fragwürdige Verhältnis dieser Demos zum Rechtsextremismus gesprochen (nur weil es uns immer mal wieder unterstellt wird: Nein, wir betrachten nicht alles als rechtsextrem, was nicht mindestens so links ist wie wir).

    Darauf aufmerksam gemacht, dass in ihren Reihen stadtbekannte Rechtsradikale mitlaufen, erfolgte nicht etwa eine Distanzierung – nein: So lange alle, die dort mitlaufen, gegen die Impfpflicht sind, sei die sonstige politische Ausrichtung egal!

    Und – last but not least – ganz vorne mit dabei: Vertreter der Herner AfD. Dass wir diesen Umstand sehr kritisch betrachten, brauche ich wohl nicht noch weiter auszuführen.

    Also, noch einmal: Warum stehen wir heute hier und auf den anderen Plätzen?

    Unser Motto lautet immer noch „Mitreden. Mitmachen. Miteinander“.

    Voraussetzung für das „Miteinander reden“ ist allerdings, dass die Gesprächspartner:innen sich zumindest auf der selben Realitäts- und Faktenebene befinden und ein ähnliches Verständnis von Rechten und Pflichten in einer Gemeinschaft haben. Und da sehen wir sowohl bei den Demonstrationen samstags wie auch bei den so genannten „Spaziergängen“ montags erhebliche Defizite.

    Wir stehen hier wie 2019/2020 für den Zusammenhalt der demokratisch und solidarisch gesinnten Zivilgesellschaft.

    Demokratiefeindliche Bestrebungen haben in Herne keinen Platz!

    * Nachtrag: Während ihres Demozuges am 15.01.2022 beschallten die selbst ernannten „Maßnahmenkritiker“ die Bahnhofstraße mit Durchsagen aus einer mobilen Box. Es war u.a. von den „Regierungsmarionetten der Pharmaindustrie“ die Rede, von der „Gesundheitsgefährdung durch Maulkorbzwang“ und vom „gefährlichen Impfgift“. Die Pandemie wurde als „erfunden“ bezeichnet, Coronaviren seien nicht gefährlicher als Erkältungsviren.

    Diese Durchsagen kamen vom Band und erinnerten an die, die schon bei den Autokorsos im Frühjahr 2021 zum Einsatz kamen. Sie scheinen im „Querdenken“-Umfeld produziert und breitflächig verteilt worden zu sein.

  • Cordula Vordenbäumen (Bündnis Herne) und Pfarrer Kornelius Heering auf der Verabschiedung am 27.09.2020

    Rede zur Verabschiedung Pfarrer Kornelius Heering

    Der Kirchenkreis Herne hat nach dreieinhalb Jahren Pfarrer Kornelius Heering verabschiedet. Kornelius tritt nun seine erste Pfarrstelle in Düsseldorf an.

    Ehrenmitgliedschaft Korenlius Heering

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vor allem aber lieber Kornelius,

    vor etwas mehr als einem Jahr haben wir uns kennengelernt, und nun heißt es schon Abschied nehmen.

    Ich bin sehr froh, dass ich heute als Vertreterin des Bündnis Herne die Gelegenheit für ein paar persönliche Worte habe.

    Am 20.08.2019 sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Das war der Tag, an dem sich, wie du es einmal gesagt hast, nicht nur „Wutbürger“, sondern vor allem „Mutbürger mit Zivilcourage“ in Herne versammelt haben:

    Ohne voneinander zu wissen, haben wir an diesem Tag gleichzeitig gehandelt, um einem erneuten rechtsradikalen Aufmarsch durch die Herner Innenstadt etwas entgegenzusetzen: Wir standen mit etwa 500 Menschen auf dem Robert-Brauner-Platz und bekamen die Information: Vor der Kreuzkirche macht der Pfarrer auch was! Im Angesicht von etwa 120 ungeduldig wartenden rechten Marschierern hast du mit deinen Kolleginnen Melanie Jansen und Katja Lueg und 50 Gemeindemitgliedern ein spontanes Open-Air-Friedensgebet vor den Türen dieser Kirche veranstaltet.

    Dafür hat dich bei Facebook kürzlich jemand als „Don Camillo von Herne“ bezeichnet!

    Wir jedenfalls haben dich an diesem Abend als jemand kennengelernt, der die Initiative ergreift, statt zu warten, dass jemand anders etwas unternimmt.

    Bei unserem nächsten Treffen warst du mit dabei und fortan fester Bestandteil des Bündnis Herne.

    Als wir uns im Orgateam über deinen Abschied von Herne unterhalten haben, hat dich jemand mit den Worten beschrieben, „Kornelius hat eine gute Ader und steht im Leben“. Das trifft es auf den Punkt: Für dich endet dein kirchlicher Auftrag nicht an der Kirchentür, sondern du suchst und siehst die Verbindung zu dem, was „draußen“ passiert. Aufgrund deiner „guten Ader“ ist es zudem leicht, mit dir ins Gespräch zu kommen. Den Pfarrer im angeregten Austausch mit einem Vertreter der islamischen Gemeinde wie auch mit eingefleischten Linken und überzeugten Atheisten zu sehen– das ist eine meiner persönlichen Lieblingserinnerungen an die Arbeit im Bündnis Herne: Wenn das im Kleinen funktioniert, warum sollte es nicht auch im Großen gelingen können?

    Unsere gemeinsamen Kundgebungen auf dem Robert-Brauner-Platz standen auf einem breiten Fundament der Zivilgesellschaft. Deine bzw. eure wöchentlichen ökumenischen Friedensgebete vor der Kreuzkirche haben erheblich dazu beigetragen.

    Gemeinsam haben wir ein „Format“ für unsere wöchentlichen Aktivitäten gefunden, bei dem für jede und jeden etwas dabei war: Nicht nur der laute Protest gegen die Rechtsradikalen von Angesicht zu Angesicht, sondern auch Gebet und Gesang, Musik, informative und kulturelle Highlights, nicht zu vergessen der Austausch mit Gleichgesinnten. Dazu hast du wichtige Impulse beigesteuert und so die Vielfalt im Bündnis Herne deutlich erweitert. Miteinander haben wir es geschafft, dass die rechtsradikalen Aufmärsche aus dem Stadtbild verschwunden sind. Das Gedankengut ist noch da, deshalb geht unsere Arbeit weiter, nun aber leider ohne dich.

    Allein diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass du uns sehr fehlen wirst!

    Gleichzeitig freuen wir uns für dich über die neuen Aufgaben, die vor dir liegen. Und ganz uneigennützig freuen wir uns auch für die Menschen deiner zukünftigen Gemeinde in Düsseldorf, die nun mit dir zusammenarbeiten dürfen.

    Lieber Kornelius, damit du uns auch aus der Ferne in guter Erinnerung behältst, hat unser Orgateam folgendes beschlossen: Wir verleihen dir die allererste Ehrenmitgliedschaft im Bündnis Herne!
    Leider sind keinerlei Rechte oder Ansprüche damit verbunden, andererseits verpflichtet es dich auch zu nichts. Die Ehrenmitgliedschaft soll dich aber daran erinnern, dass, wann immer du mal nach Herne kommst, du an unserem Tisch einen Platz hast!

    Zum Abschied bekommst du von uns außerdem eine kleine Erinnerung an unsere Stadt – und etwas, das du möglicherweise in Düsseldorf auch gut gebrauchen kannst.

    Stellvertretend für das gesamte Orgateam des Bündnis Herne sage ich noch einmal „Vielen Dank, dass du bei unserem spannenden Projekt an unserer Seite warst“! Wir wünschen dir und deiner Frau von ganzem Herzen alles Gute für das, was vor dir und vor euch liegt!

    Danke schön!

    (Beitragsbild Krichenkreis Herne)

  • Rednerin des Bündnis Herne auf der Kundgebung zu "Gedenken an Hanau"

    Gedenken an Hanau

    Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nessar El Hashemi, Mercedes K., Can Gülcü, Bilal Gökçe,Sedat Gürbüz und Kaloyan Velkov, Vili Paun, Gabriele Rathjen.

    Das sind die Menschen, die dem Anschlag in Hanau am 19.2.2020 zum Opfer fielen.
    Unsere Herzen sind bei den Familien und Angehörigen der Verstorbenen, sowie bei den Verletzten, denen wir eine schnelle Genesung und Gottes Liebe und Barmherzigkeit wünschen.

    Den Terroranschlag so zu beschreiben, wie er ist, nämlich als Terroranschlag, fällt vielen schwer. Die Versuchung, den Täter als Einzeltäter darzustellen, ist schon zum Reflex unserer Politiker & Politikerinnen und der Sicherheitsorgane geworden. Damit wird das ideologische Umfeld des Täters ausgeblendet. Er handelte als Einzeltäter, doch war er nicht allein in seiner Welt. Das ist auch keine Überraschung. Schon lange werden Rassistinnen & Rassisten hofiert und antimuslimische Parolen skandiert. Viele haben den Boden bereitet und das Klima geschaffen, damit Hetze verbreitet und somit dem Hass Tür und Tor geöffnet werden konnte. Damit ist nicht nur die AfD gemeint. Dass sie eine der geistigen Brandstifter*innen ist, muss nicht besonders erklärt zu werden.

    Ist das aber alles?
    Gauland war von 1973 bis 2013 Mitglied der CDU. Sarrazin ist seit 1973 Mitglied der SPD. Der selbsternannte Islamkritiker Abdel-Samad, Teilnehmer der 2. Islamkonferenz. Oder ein Mensch namens Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz oder andere Spitzenpolitiker aus der „ Mitte“, die am Tag der Auschwitz Befreiung direkt auf Muslime zeigen und die Worte „Nationalsozialismus“ oder „Deutschland“ nicht einmal erwähnen, obwohl der Holocaust ein deutsches Verbrechen und kein Muslimisches war.

    Wenn Menschen jeden Tag mit rassistischer Rhetorik, mit Rechtsextremismus und mit Verschwörungstheorien zugedröhnt werden, tagtäglich hören, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, dass die Migrant*innen wie Parasiten seien, die unsere Gesellschaft befallen haben – dann besteht die Wahrscheinlichkeit, dass manche Menschen sich berufen fühlen, die Gesellschaft wieder zu „bereinigen“. Den Worten folgen die Taten. Und die Message geht nicht nur in Richtung des weißen Mannes.
    Es gibt ein türkisches Sprichwort, dass sinngemäß übersetzt bedeutet: „Wenn jemand vierzig Tage lang als verrückt bezeichnet wird, wird er am Ende verrückt werden“. Nicht seit vierzig Tagen und nicht seit vierzig Monaten, sondern seit vierzig Jahren werden Muslime oder andere Minderheiten als Gesindel, Parasiten, Schmarotzer, Terroristen, illoyal und als Kopftuchmädchen bezeichnet. Nichts davon geht, ohne eine Spur zu hinterlassen, einfach vorbei.

    Die Gefahr von Angriffen auf Muslime wird immer noch unterschätzt. An dem Tag, als die Mitglieder der rechtsextremen Gruppe Teutonico verhaftet wurden, hatten sie geplant, Anschläge auf Moscheen in zehn Bundesländern verüben. Sie wollten Muslime töten.
    Dazu schrieb der Rassismus-Forscher Osan Sekariya Keskinkılıtsch: „Muss ich erst getötet werden, damit ihr empört seid?“

    Eine Woche später mussten wir uns empören, weil neun Migrantinnen & Migranten in Hanau ermordet wurden.
    Ja, wir haben in der Politik, in den Medien und in Teilen der Gesellschaft ein Problem, das Anti-Muslimischer Rassismus heißt. Dass macht uns Angst.
    Wir haben Angst, dass wir die Nächsten sein könnten.
    Wir haben Angst, dass wir unsere Mütter, Schwestern, Töchter, Väter und Söhne verlieren könnten.
    Wir haben Angst, dass die Pläne der Nazis, mit Angriffen auf die muslimischen Einrichtungen Gegenangriffe zu provozieren, aufgehen könnten.
    Wir haben Angst, wenn Kinder und Jugendliche aus der Gemeinde, statt nach der Playstation oder dem nächsten Ausflug nach Köln zu fragen, über die eigenen Zukunftsängste sprechen: „Hoca, wenn die Deutschen uns nicht mehr haben wollen, wo gehen wir dann hin?“

    Wir haben aber auch sehr viel Hoffnung und möchten uns nicht von unseren Ängsten leiten lassen.
    Wir haben sehr viel Hoffnung, weil zu unserem Freundeskreis nicht nur Ayse, Gül, Ahmed und Ali sondern auch Ute, Elfi, Markus und Michael gehören.
    Es macht uns Hoffnung, dass wir die Namen, derer, die uns Mut geben, auf mindestens fünf weiteren Seiten hätten aufschreiben können.

    Wir haben sehr viel Hoffnung, wenn wir sehen, dass Woche für Woche hunderte Menschen in Herne sich gegen Rassismus positionieren.

    Es macht uns Hoffnung, wenn wir persönliche oder schriftliche Solidaritätsbekundungen erhalten.
    Es macht uns Hoffnung, wenn Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, denen wir zuvor noch nie begegnet sind, sich bei uns melden und sich über unsere Arbeit freuen.
    Es macht uns Hoffnung, wenn die Polizei unserer Gemeinde uns mitten im Freitagsgebet besucht und erklärt, dass der Staat sich um uns kümmert – dass wir uns in Sicherheit fühlen können.
    Es macht uns Hoffnung, wenn wir uns mit unseren jüdischen, christlichen oder nichtgläubigen Freundinnen, Freunden und Bekannten auf einer Veranstaltung sehen,  wir uns fest umarmen und feststellen dass unsere Herzen gemeinsam für eine Sache schlagen – nämlich für ein friedliches Miteinander.

    Tuncay Nazik – geschrieben am Tag des Amoklaufs.

  • Logo Bündnis Herne mit Geburtstagstorte anlässlich des Jahrestages der Gründung der Initative

    Ein Jahr Bündnis Herne – ein Grund zu feiern.

    Oder nicht?

    Heute vor genau einem Jahr hat die erste Veranstaltung des Bündnis Herne stattgefunden. Der Anlass war ganz sicher kein Grund zum Feiern:
    Eine Gruppe schwarz gekleideter Männer hatte seit Anfang August 2019 damit begonnen, „Spaziergänge“ über die Bahnhofstraße zu unternehmen, vom Europaplatz vor der Kreuzkirche zum Bahnhof und zurück. Ihr Anliegen machten sie während ihrer „Spaziergänge“ nicht deutlich. Ein bei Facebook verbreiteter Aufruf ließ jedoch nichts Gutes vermuten: Es ging irgendwie um die „Sicherheit auf unseren Straßen“, im Zusammenhang mit Hetze gegen Flüchtlinge. Teilnehmer dieser „Spaziergänge“ waren u. a. Neonazis aus der rechten Hooliganszene aus Herne, Mitglieder der Bruderschaft Deutschland und die „Steeler Jungs“ aus Essen.

    Am 20.08.2019 trafen sich nicht nur „Wutbürger“ in Herne, sondern vor allem „Mutbürger“ mit Zivilcourage:

    Vor genau einem Jahr haben sich etwa 500 Menschen auf dem Robert-Brauner-Platz versammelt, um diesem rechtsradikalen Mob aus Herne und Umgebung den Marsch durch die Bahnhofstraße zu verwehren! Und das nach nur gerade einmal zwei Tagen Vorbereitungs- und Mobilisierungszeit! Wir standen auf dem Robert-Brauner-Platz und hatten eigentlich nichts: keine Musik, keine Anlage, keine Reden … es gab Flyer, Blumen und Käsebrötchen. Ihr wart alle da und seid geblieben, bis klar war, dass die Polizei die rechte Veranstaltung auf dem Europaplatz vor der Kreuzkirche aufgelöst hatte.

    Pfarrer Kornelius Heering hat mit seinen Kolleginnen, den Pfarrerinnen Melanie Jansen und Katja Lueg, gemeinsam mit ca. 50 Gemeindemitgliedern ein spontanes Open-Air-Friedensgebet veranstaltet, inklusive anhaltendem Glockengeläut. Ihnen gegenüber standen etwa 120 rechte Marschierer die ungeduldig auf ihren „Spaziergang“ warteten. Darunter waren auch die Dortmunder Neonazi-Größen Michael Brück und Siegfried Borchardt, genannt „SS-Siggi“.

    Dieser vielfältige Einsatz unterschiedlicher Menschen für Frieden und Vielfalt in unserer Stadt war die Geburtsstunde des Bündnis Herne als breites zivilgesellschaftliches Bündnis: Neben den Vertreter*innen verschiedener demokratischer Parteien und Gewerkschaften sowie dem Kulturell-Alternativen Zentrum (KAZ) ist bis heute eine große Zahl von Privatpersonen beteiligt. Partei- und Gewerkschaftszugehörigkeiten spielen in allen Diskussionen eine untergeordnete Rolle. Fast von Anfang an dabei sind auch die christlichen Kirchen Hernes; seit längerem ist zudem die Islamische Gemeinde Röhlinghausen fester Bestandteil des Bündnis Herne. In mehr oder weniger loser Kooperation wissen wir uns außerdem unterstützt von einer ganzen Reihe weiterer Herner Vereine und Institutionen.

    Auf dieser breiten Grundlage und mit eurer großartigen Unterstützung haben wir uns gemeinsam dem Aufmarsch der Rechtsradikalen in den Weg gestellt, sieben Monate lang, auch bei Regen, Wind und Kälte – Woche für Woche waren wir da – beginnend mit dem Friedensgebet auf dem Europaplatz und der anschließenden Kundgebung auf dem Robert-Brauner-Platz. Nach und nach verlor der rechte Herner Mob immer mehr die Unterstützung von außen, bis er im Februar schließlich die öffentlichen Aktivitäten einstellte.

    Und das ist nun wirklich in der Tat ein Grund zum Feiern:
    Die Hernerinnen und Herner haben mit sehr viel Ausdauer bewiesen, dass in unserer Stadt kein Platz ist für rechte Hetze. Wir stehen miteinander ein für eine offene, tolerante und friedliche Zivilgesellschaft in Herne!
    Hinzuzufügen ist ein „Aber …“.

    Nur weil die rechten Hetzer aufgehört haben zu marschieren, sind sie nicht weg und ihre Ideen genauso wenig. Sie leben mitten unter uns, sind Nachbar*innen, Kolleg*innen, Freund*innen, Familienangehörige. Wir haben gesehen, dass uns bekannte Personen aus dem rechtsradikalen Umfeld Hernes versucht haben, in Nachbarstädten Fuß zu fassen; sie haben sich den „Hygienedemos“ z.B. in Bochum angeschlossen und waren z.T. auch am 01.08.2020 bei der großen Demo in Berlin dabei.

    Aufhören ist für uns daher keine Option.

    Das hatten wir tatsächlich schon bei der Gründung des Bündnis Herne vor einem Jahr im Hinterkopf: Wir wollten langfristig daran mitwirken, die Zivilgesellschaft und das demokratische Bewusstsein in Herne zu stärken.
    Bedingt durch die hohe Schlagzahl bis März konnten wir in dieser Hinsicht noch nicht so aktiv werden, wie wir uns das vorgestellt hatten. Anschließend hat uns – wie vielen anderen auch– Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht.

    Wie ihr seht, sind wir aber nach wie vor aktiv, und mit uns ist weiterhin zu rechnen!

    Und mit euch offenbar auch! Lasst uns heute alle miteinander unser gemeinsames Engagement feiern!
    Schön, dass ihr da seid – viel Spaß mit unserem bunten Programm!

  • Rednerin des Bündnis Herne zu der Buchvorstellung "Zehn Regeln für Demokratie-Retter"

    Zehn Regeln für Demokratie-Retter

    Wir als Bündnis Herne wollten nicht nur den Aufmarsch des rechtsradikalen Mobs verhindern.

    Wir möchten langfristig daran mitwirken, die Zivilgesellschaft und das demokratische Bewusstsein in Herne zu stärken.
    In diesem Zusammenhang sind wir im vergangenen Jahr auf ein Buch gestoßen, von dem wir denken: „Das passt zu uns!“ Es heißt „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“, der Autor ist der Journalist und Philosoph Jürgen Wiebicke.
    Der eine oder die andere von euch kennt es möglicherweise schon, denn es ist bereits 2017 erschienen. Es hat jedoch in der Zwischenzeit nichts an Aktualität eingebüßt.
    Wiebicke treibt die Frage um, wie wir jenseits der Wahlkabine die Substanz unserer Demokratie gegen ihre Verächter verteidigen können. Das allein „der Politik“ zu überlassen, ist für ihn nicht die richtige Antwort.
    Daraus ist ein unkompliziert zu lesendes Buch entstanden. Es soll ausdrücklich kein „Werkzeugkasten“ sein, keine Checkliste, die abgearbeitet werden muss. Es soll mithelfen, das Gefühl wieder zu stärken, dass das eigene Handeln zählt.
    Auch wenn nicht jeder von Wiebickes Gedanken und Vorschlägen ungeteilte Zustimmung finden wird: Immer fordert er zu eigenem Nachdenken heraus, dazu, persönliche Schlüsse zu ziehen für das eigene Handeln.
    Mehr wollen wir an dieser Stelle zum Inhalt nicht verraten, denn wir empfehlen euch, es selbst zu lesen.

    Warum passt das Buch zu uns?

    Das Motto des Bündnis Herne lautet „Mitmachen. Mitreden. Miteinander“: Wir wollen das Handeln nicht allein anderen überlassen, sondern selbst Akzente setzen. Und ihr habt es durch die Teilnahme an unseren Veranstaltungen gezeigt: Auf dem Sofa verharren und von dort aus schimpfen ist auch eure Sache nicht. Aus persönlichen Gesprächen mit vielen von euch wissen wir außerdem, dass ihr auf dem einen oder anderen Gebiet sehr engagiert seid.

    Zu unserer heutigen Veranstaltung passt es außerdem aus mehreren Gründen:
    Da sind zum einen die anstehenden Kommunalwahlen am 13. September:
    Wir rufen euch auf, euer Wahlrecht verantwortungsvoll wahrzunehmen. Wir werden keine konkrete Wahlempfehlung für oder gegen eine bestimmte Partei aussprechen. Aber wir bitten euch: Prüft das Angebot, verteidigt in der Wahlkabine die Substanz unserer Demokratie!
    Das gleiche gilt natürlich für die Wahlen zum Ruhrparlament und zum Integrationsrat.
    Zum anderen hatten wir schon vor einiger Zeit geplant, euch dieses Buch zu schenken – als Anregung für euer und Bestärkung in eurem Engagement jenseits der Wahlkabine, oder auch als Aufhänger für Diskussionen in eurem Umfeld. Lange haben wir auf diese Gelegenheit warten müssen. Aber gerade jetzt, in gesellschaftlich und politisch herausfordernden Zeiten, passt es nun eigentlich besonders gut.
    Nutzen wir also unseren Geburtstag als gute Gelegenheit, mit diesem kleinen Geschenk „danke“ zu sagen für eure großartige Unterstützung!

    Wir laden euch ein, während der nächsten Musikeinlage zu uns an die Infotheke zu kommen und euch ein Exemplar abzuholen.
    Bitte achtet dabei auf die Einhaltung der Abstandsregeln.

    Bedanken möchten wir uns auch beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Die Verantwortlichen waren von der Idee, die „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ im Rahmen einer unserer Veranstaltungen zu präsentieren, sehr angetan und haben unsere Bestellung daher mit einem Rabatt unterstützt.

    Vielen Dank!

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