Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt begegnen mir vor allem zwei Haltungen:
Die einen sagen, „Lasst die AfD doch mal machen, die wird sich schon entzaubern“. Die anderen haben das Gefühl, alles Engagement gegen den Aufstieg der AfD sei vergebens, und ziehen sich zurück.
Ich habe dazu zwei sehr unterschiedliche Bücher gelesen, die ich euch beide ans Herz legen möchte.
„Deutschland 2033“ von Justus Bender (2026, Verlag C. H. Beck)
Der Autor dieses Buches ist stellvertretender Leiter des Politikressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er gilt als einer der besten Kenner der AfD.
Bender schildert ein realistisches Szenario, bei dem die AfD im Jahr 2033 die Bundestagswahl gewinnt. In der Hoffnung, die AfD in der Regierung zu entzaubern, geht die CDU eine Koalition mit ihr ein (die sie – Spoiler – nach wenigen Monaten wieder verlässt. Der Autor schildert, wie die nunmehr geschäftsführende AfD-Regierung Schritt für Schritt den liberalen Verfassungsstaat demontiert. Dafür müssen nicht einmal Gesetze geändert werden, es reicht der Zugriff auf die Verwaltung und eine politisierte Justiz. Der Widerstand gegen das autoritäre Regime verhallt.
Ich habe mich mit der Lektüre zunächst etwas schwergetan: Ich hatte eher einen Roman erwartet, stattdessen bekam ich viel Analyse. Das ist jedoch die eigentliche Stärke dieses Buches: Bender schildert das Vorgehen der AfD-Regierung im Jahr 2033. Er schaut dann aber immer wieder zurück in unsere Gegenwart, in der wir ein solches Szenario durch eine andere Politik und Kommunikation noch verhindern können.
Warum ist Deutschland 2033“ ein aufrüttelndes Buch? Es zeigt, wie es selbst ohne Mehrheit im Bundestag möglich ist, innerhalb kürzester Zeit den liberalen Verfassungsstaat irreparabel zu dekonstruieren. Also nein: „Lasst sie mal regieren, die werden sich schon entzaubern“ ist keine Option!
Kurz nachdem ich das Buch gelesen hatte, verabschiedete der Landtag Sachsen-Anhalts übrigens mit den Stimmen von AfD und BSW einen Antrag, der die geschäftsführende Landesregierung auffordert, „sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, insbesondere durch eine entsprechende Initiative im Bundesrat, für eine Verhinderung der weiteren Eskalation in der Ukraine und für die Verwirklichung einer friedensschaffenden Politik einzusetzen“. Damit greift die AfD von Magdeburg aus in die Bundespolitik ein, obwohl sie noch nicht einmal die Regierung stellt. Es geht also schon los.
Der Übergriff auf die Pressefreiheit durch die Beschlagnahmung von Recherchematerial bei der Wochenzeitung DIE ZEIT nur wenige Tage später war zwar nicht von der AfD ausgelöst, zeigt aber, wie der Wind sich dreht – der Vorfall entspricht auf gruselige Weise dem, was Bender in seinem Szenario für 2033 schildert.
Die wichtigste Erkenntnis der Lektüre von Deutschland 2033“: Die AfD betreibt „Affektpolitik“, der mit Sachargumenten nicht beizukommen ist. Die Handlungsempfehlungen bleiben dann leider etwas vage.
Die liefert das zweite Buch:
„Make Nazis afraid again“ von Daniel Rensing (2026, Heyne Verlag)
Daniel Rensing ist ein deutscher Polit-Influencer, YouTuber, Aktivist und Autor, der im Internet vor allem unter dem Social-Media-Namen @its.daniel.brln bekannt ist. Mit über 230.000 Followern auf Plattformen wie TikTok gehört er zu den reichweitenstärksten Stimmen der digitalen Gegenrede im deutschsprachigen Raum.
Daniel Rensing berichtet vor allem von seinen Erfahrungen mit seinen Podcasts, in denen er auf Falschinformationen, Hass und Hetze aus dem rechtsradikalen Spektrum reagiert. Er zeigt die professionellen Strukturen und Netzwerke, mit denen in den „sozialen“ Medien rechte Stimmungsmache betrieben wird – die vielen Einzelpersonen, die versuchen dagegenzuhalten sieht er dabei strukturell deutlich im Nachteil (finanziell und unter dem Aspekt der Ressourcen).
In der Analyse stimmt Rensing mit Bender überein: Auf Aussagen, die auf Gefühle abzielen, mit einer sachlichen, faktenbasierten Gegenrede zu reagieren, sei nicht zielführend. Er empfiehlt zum Beispiel, über Rückfragen ins Gespräch zu kommen („Warum denkst du das?“ „Womit begründest du das?“) und so zu signalisieren, dass man die Person zunächst einmal ernst nimmt und ihre Empfindungen nicht abwertet. Danach könne man dann über Fakten sprechen.
Was mir – neben den zahlreichen alltagstauglichen Tipps gut gefallen hat – ist sein Ansatz, Humor als Türöffner zu benutzen.
„Make Nazis afraid again“ ist daher auch für Menschen interessant, die keine Podcasts produzieren oder in den Kommentarspalten der „sozialen“ Medien unterwegs sind. Das Buch enthält viele konkrete Hinweise für den Umgang mit rechten Narrativen, die auch für den Alltag oder für Gespräche am Infostand hilfreich sind.
Was ich aus den beiden Büchern mitnehme:
Die Warnung: Die AfD wird sich sind in Regierungsverantwortung nicht „entzaubern“, sondern in immer größerem Stil ihre affektgesteuerte Politik umsetzen.
Die Mahnung: Noch ist es nicht zu spät, AfD-Regierungsbeteiligungen zu verhindern.
Die Empfehlung: Wir müssen raus aus unserer Komfortzone und reden, reden, reden – und vor allem: zuhören!
Für alle, die versucht sind, sich resigniert zurückzuziehen, abschließend ein Zitat aus dem Buch von Daniel Rensing:
„Es gibt Tage, an denen es sich anfühlt, wie mit einer Gießkanne vor einem Waldbrand zu stehen. Das war so, als ich anfing. Das ist es auch drei Jahre später noch. Was sich verändert hat: was ich sehe, wenn ich mich umdrehe. Noch mehr Menschen mit Gießkannen. Überall. Viel mehr als vor drei Jahren. Nicht genug, um das Feuer zu löschen, aber genug, um dafür zu sorgen, dass es an manchen Stellen nicht weiter brennt.“


